Gesundheit

Unsere Pflicht

Hat uns die Politik in der Pandemie aufgegeben? Da war doch der Auftritt unseres Bundeskanzlers mit der Erklärung, der Staat ziehe sich nun zurück, er gebe uns unsere Freiheiten zurück, und damit auch die Eigenverantwortung.

Tja, mit der ist es leider schwierig. Denn der Blick der/des Einzelnen gilt nicht der Gemeinschaft, es regiert der aufs Ich. Warum soll gerade ich impfen gehen? Sollen doch die anderen, ich tauche in der immunisierten Herde unter. Mit diesem Egoismus ist kein Staat zu machen, warum der meiner Meinung nach weiterhin handlungsanleitend gefordert wäre. Schon bisher in der Pandemie war die Regierung selten zimperlich, wenn es mit Selbstregulierung nicht klappen konnte. Seit März 2020 schuf sie uns genug an. Warum also der Ausstieg daraus jetzt? Der kann ohnedies nicht wirklich gelingen, wenn man dem jüngsten medialen Getöse zuhört. Abgesehen von einer Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen, vorderhand wieder einmal benannt die Lehrerinnen und Lehrer (wie immer stellen wir unsere Rücken sehr gern für diese Spielchen zur Verfügung, Ironie wieder off!), diskutieren wir jetzt auch PCR-Testpflicht für Reiserückkehrende. Medial wurde dies zuerst unscharf vermittelt, gemeint sind ungeimpfte Rückkehrer „aus Risikogebieten“ und zwar (seit gestern Samstag konkret) Spanien, die Niederlande und Zypern. Anders würde sich das mengenmäßig auch kaum bewältigen lassen. Erinnerungen an die unglückliche Bilanz des Sommers 2020 werden ohnedies schon wieder wach.

Wenn wir uns die Fakten anschauen, so fällt mir seit Wochen auf, dass das Reden über die Rate an Vollimmunisierten weiterhin in einem Strudel an Verwirrung herumschwimmt, den wir seit Anbeginn in Sachen Daten der Pandemie um uns haben. Wenn man aufs Dashboard zum Impfen des Gesundheitsministeriums schaut, findet man eine Prozentzahl an Vollimmunisierten, die immer ein paar Prozentpünktchen höher ist als jene, mit der die Schar der Expertinnen und Experten argumentiert. Was stimmt nun? Worauf ist Verlass?

In der abendlichen Nachrichtensendung am 2. Juli stellte unser Gesundheitsminister in Aussicht, das Land könne mit seiner Impfinfrastruktur wöchentlich vier Prozent auf die Zahl der Vollimmunisierten drauflegen. Bis Schulbeginn im Westen Österreichs wären dies zehn Wochen und eine Aussicht auf eine 80-prozentige Durchimpfungsrate. Wenn halt alle impfen gingen. Gehen sie aber nicht. Die Gründe? Sie sind irrational bis verständlich. Irrational auf Grund vieler Mythen und Legenden, die kursieren; verständlich dort, wo gesundheitliche Indikationen ein Impfen nicht zulassen. Bei letzteren handelt es sich doch tatsächlich um 15 Prozent der Bevölkerung und damit um eine Größenordnung, die bedeutet, dass die anderen 85% (notwendig gegen die grassierende Delta-Variante) die beiden Stiche brauchen, um die aus medizinischen Gründen nicht Impfbaren mit zu schützen. Das geht niemals in Eigenverantwortung (siehe oben, Stichwort Egoismus).

Darum lasst uns doch den Eiertanz um die Frage aller Fragen beenden, mehr Mut, das will man der Politik zurufen. Oder von mir aus auch Pioniergeist, Österreich ist doch sonst so gerne in der Pandemiepolitik vorne mit dabei: Impfpflicht für alle, die man impfen kann! Zum Wohl der Gesamtheit und für einen sicheren Herbst 2021 und Winter 2021/2022.

Oder wollen wir wieder volle Krankenhäuser, Intensivstationen, steigende Zahlen von Corona-Toten? Wollen wir wieder ein eingeschränktes Leben, Schule und Universität im Distance-Learning, geschlossene Kultur-, Freizeit- und Sporteinrichtungen?

Nachdem dieses „Wir“ nicht von sich aus in einem humanistischen Weltbild auch die/den andere/n und damit die Verantwortung dieser und diesem gegenüber kennt, benötigen wir für das kollektive Wohlergehen die staatliche Steuerung unserer Pflicht. Die Rufe nach einer Impfpflicht werden von unterschiedlichen Seiten, beispielsweise Gastronomie, beispielsweise ein Landesfußballverband, heute auch die Vorsitzende der Bioethikkommission, schon laut. Alsdann: Her mit einer Verordnung! Die Zeit des Sommers läuft uns nämlich sonst davon.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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