Meiner Verführbarkeit, mich ganz und gar auf sportliche Großereignisse einzulassen, mich vom Sog von Kampf, Spiel, körperlicher und strategischer Leistung erfassen und von Glück bis Euphorie, auf der anderen Seite von Irritation bis Frust hineinziehen zu lassen: Dieser mir also eigentlich gegebenen Verführbarkeit widerstand ich im ausklingenden Jahr 2022 in Sachen Fußballweltmeisterschaft erstmals. Und das ging ganz leicht.
Insofern wird an mir auch das mit Donnerstag der kommenden Woche startende Turnier um die aktuell beste Männernationalelf dieser Welt vorbeigehen, gemeint in direkter Rezeption und dafür Zeiteinsatz. Die Zeitverschiebung bietet einen sehr wesentlichen Grund, die Spieltermine sind nicht kompatibel mit dem Berufsbild Lehrer bzw. Schulleiter im Finale des Schuljahrs. Auch braucht es wiederum den Boykott, von so vielen wie möglich, als ein Zeichen des Widerstands. Warum? Dazu gleich. Vorbemerkung: Mir ist freilich sonnenklar, dass wir, die wir uns in kritischer Gesinnung gegen das Weltfußballfest stellen, eine Minderheit bleiben.
Wir alle werden uns in den fünfeinhalb Wochen (11. Juni bis 19. Juli 2026) der Autokratie-Inszenierung von Fußball nicht entziehen können, denn die Welt und ihre Orgeln von Öffentlichkeitsproduktion werden durch diese Wochen große Töne von Verlogenheiten produzieren. Fußball eignet sich bestens dazu, Massen zu sedieren, alles sei gut, überall da draußen, jetzt spielen wir Fußball miteinander, freundschaftlich, friedlich.
Experten haben durchmodelliert, dass im Turnier ein Treffen der Mannschaften der USA und des Iran auf grünem Rasen möglich werden könnte. Somit berühren wir hier schon die Peinlichkeit des ausklingenden Jahres 2025, ein bisschen mehr als ein halbes Jahr her, die Erinnerung nimmt mir immer noch die Atemluft. Während die Weltgemeinschaft die Verwerfungen in Folge der amerikanisch-israelischen Kriegsbemühungen gegen den Iran ertragen muss, rücken Spieler, Betreuer, Funktionäre und alle Profiteure des Geschäfts um den von 22 Mann umkämpften Ball und betuchte Fans aus, im Land des FIFA-Friedenspreisträgers ihrer Leidenschaft für Fußball zu huldigen. Das ist stille Anerkennung und darin Affirmation der größten Groteske einer „Friedensgeste“, die die Welt erleben musste. Gut, es wird nicht nur in Amerika gespielt, auch in Kanada und Mexiko, zwei Statistenländer zum König-Trump-Reich dieser Weltmeisterschaft; Herr Infantino, Schweizer mit spanischem Prinzen im Namen, huldigt als FIFA-Fürst hier wiederum Staatslenkern mit Charakter wie dem eigenen. Gleich und gleich gesellt sich ja gerne, nennen wir diese Zeitgenossen doch, was sie sind: Kapitalismus-Adel.
Still wurde es übrigens sehr rasch um den UEFA-Chef Aleksander Čeferin, nachdem der vor wenigen Wochen deutliche Worte zur Entwurzelung des Fußballs als gesellschaftlich breites Forum äußerte, auf dem sich Fans unabhängig von Einkommensverhältnissen treffen können müssen, also finanziell leistbar, nicht nur im Bereich der Ticketpreise, auch in den Nebenkosten Reise und Unterkunft. Diese gigantomanische Fußballweltmeisterschaft, in der 48(!) Nationen durch Gruppenspiele müssen, um sodann erst einmal durch ein Sechzehntel(!)-Finale in die K.o.-Phase einzutreten, verlangt in dynamischen Preismodellen Geld für Eintritt in einer Höhe, für die man Hochkulturinstitutionen seit Jahren einer Abgehobenheit schimpft. Das Geschäft mit dieser Preistreiberei stellt den Sport an sich ins Abseits, dafür sein Funktionärswesen, dessen Macht und Geldgier in den Mittelpunkt. Die langen Reisewege für die, die in diesem Zirkus als Gladiatoren auftreten müssen, und auch alle, die ihnen live zuschauen wollen und sich das leisten können (und wollen), schlagen sich mit einer verheerenden CO2-Bilanz zu Buche. Der FIFA ist alles genauso (österreichische Schreibweise nun hier notwendig:) „wurscht“ wie Trump: Hauptsache, die eigene Kassa klingelt und stimmt.
In der nächsten Weltmeisterschaft 2030 geht dann dahingehend tatsächlich noch mehr: Austragung auf drei Kontinenten und in sechs Ländern. Man argumentiert diese Aufgeblähtheit mit dem 100-Jahr-Jubiläum von Fußballweltmeisterschaften, schönes offizielles Narrativ. Die Welt liest die eigentliche Geschichte, sie erzählt in diesem Sport nur noch von wachsendem Größenwahn, von Rausch, von Gier, von Geld. Sehr schade so, denn Fußball könnte an sich wirklich sehr viel anderes vermitteln.
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