Kunst

Ein letztes Mal auf, über und in die Dächer

Niemand denkt hierorts an eine krankhafte euphorische Wesensveränderung, die Sauerstoffmangel in großen Höhen mit sich bringen kann. So lautet bekanntlich die medizinische Definition von „Höhenrausch“. Seit Jahren verlässt man im Sommer in der Innenstadt von Linz (Oberösterreich) den Boden der sonst alltäglichen Realität, erklimmt im Offenen Kulturhaus (OK) über die Räume und Stiegenhäuser das Dach und durchwandert dabei einen Parcours von Kunstinstallationen. Das ist das Angebot: Es verbindet sich mit einem Raumerlebnis, in dem sich auch beweist, dass die Veränderung der Perspektive auf die Stadt ihre besonderen Schönheiten offenbaren kann, etwa durch den Blick von oben in die begrünten Innenhöfe.

„Höhenrausch“ ist heute eine Marke, gegründet im Jahr 2009, als Linz Kulturhauptstadt Europas war. Zuvor experimentierte das Offene Kulturhaus mit einem „Schaurausch“ in Sachen Präsentation zeitgenössischer Kunst in den Schaufenstern der Linzer Landstraße, dann ging es im „Tiefenrausch“ ins Stollensystem, im dritten Schritt dann erstmals auf und über die Dächer. Das fügt sich zu einem architektonisch nicht uninteressanten Zusammenspiel, grenzt das Kunstproduktionshaus gegen Norden ja an ein Parkhaus, das mit einem offenen Parkdeck am Dach aufwartet. Gegen Westen liegt eine Shopping-Mall, über ihr Dach – mit Holzstegsystem erschlossen – führte hier sogar einmal ein Weg in die Mitte der beiden Türme der angrenzenden Ursulinenkirche. In den Jahren hat die Lust auf weitere Höhen temporär ein Riesenrad aufs Dach gesetzt (2009) und eine Stahlkonstruktion namens „Open Space“ auf einen Baukörper gestellt, der den Platz vor dem Offenen Kulturhaus zur Straße hin abgrenzt, darauf sogar eine kleine feine Tribüne für Sommerkino unter freiem Himmel. Und nicht zu vergessen: Auf dem Dach wuchs vor Jahren durch meisterliches Zimmererhandwerk ein Holzturm empor, für den besten Ausblick über die Stadt Linz.

In diesem Sommer, zwölf Jahre nach seiner Premiere, lädt der „Höhenrausch“ zu einer letzten Wanderung über die Dächer; wenn die Ausstellung am 17. Oktober schließt, heißt es, von dem liebgewonnenen Format Abschied zu nehmen. Die Kuratoren gaben jedem Parcours einen Titel, Martin Sturm und Rainer Zendron wählten für das Finale 2021 „Wie im Paradies“. Der Vergleich in der Formulierung zeigt Vorsicht. Man steht in Kooperation mit Diözese und Kirche. Denn in der „Höhenrausch“-Version 2021 führt der Weg erfreulicherweise wiederum über den Dachboden der Ursulinenkirche, dann die steile Treppe hinab in die Kirche selbst zu seinem Ende. Kunst und Kirche: Da gibt es inhaltliche Differenzen zum „Paradies“-Begriff. Künstlerinnen und Künstler sind hier freier, in ihrem Beschreiben, Reflektieren, Interpretieren. 35 Positionen sind versammelt.

Natürlich ist die Auswahl des Flaneurs rein subjektiv, wenn ich einzelne daraus hervorhebe, weil das Konzept mich anspricht, Idee, Umsetzung, Präsentation ihre für mich besonderen Stimmigkeiten entfalten.

Dazu gehört Ella Raidels Video „We´ll Always Have Paris“, eine Erkundigung einer Sehnsuchtsortgestaltung im chinesischen Tianducheng, wo man sich eigentlich mit nachgebautem Eiffelturm und Champ-Elysées ein Paris-Gefühl als Wohnort schaffen wollte, die Immobilienspekulation aber nicht griff, bestenfalls für Hochzeitspaare und als Fotomotiv, ansonsten bleibt dieses vermeintliche Stadtparadies nur geisterhaft. (Wir in Oberösterreich wissen ja auch um die Hallstatt-Kopie, die in China errichtet worden ist.)

Gregor Grafs Foto-Arbeiten verfolge ich schon länger mit Leidenschaft, in „Bye Bye Buy“ zeigt er das verlassene Einkaufsparadies der „UNO-Shopping“ am Linzer Stadtrand, welches sechs Jahre leer steht und als nutzlos gewordene Architektur (ausgenommen für Filmdreharbeiten wie zum Beispiel die Fernsehserie „Die Macht der Kränkung“) Paradies-Verlust dokumentiert. Elisabeth Kramer erhob übrigens als Auftragsarbeit für ihre Plakat-Installation „Insel der Seligen“ den Gebrauch des Begriffs „Paradies“ in Namen für Orte, Institutionen und breitgefächertes Konsum-Angebot.

In „The Penultimate“, einer Installation aus Pflanzen in Gefäßen auf Sockel, archiviert die in Russland geborene, heute in Wien lebende Künstlerin Anna Jermolaewa die Farbzuschreibungen zu jüngsten Revolutionen in den Blumen, die diesem zumeist friedlichen Anspruch des Volks auf einen Machtwechsel auch den Namen gegeben haben. Der Titel, übersetzt „Die Vorletzte“, signalisiert Offenheit im Prozess, der lebendig bleiben muss, so wie die Ausstellungsmacher sich auch um die Pflege der echten Blumen in der Installation zu kümmern haben.

Am meisten beeindruckten mich, wohl auch des jeweiligen Dachboden-Ambientes wegen, die Arbeiten von Hsiao Sheng-Chien und Katharina Struber. Hsiao Sheng-Chien zeigt in „Return“ die Rückkehr der Spatzen, die er in seiner Kindheit in Taipeh von allen Leitungen singen hörte, nun aber ist die Stadt an Vogelstimmen stumm geworden. Wie in einer riesigen mechanischen Spieluhr bringt der Künstler den Gesang zurück (siehe dazu auch das Beitragsbild oben). In Katharina Strubers Installation „Die Königinnen zogen Schwärme fort“ über dem Gewölbe der Ursulinenkirche wurden auf ovalen in Bienenwachs getauchten Blättern Liebesgedichte konserviert, dazu erklingt „Thema und Variationen“ von Ingeborg Bachmann, gesprochen von Nadine Quittner.

Sechs subjektiv selektierte Schau-Spiele aus einem letzten Mal auf, über und in die Dächer.

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