Philosophie

Trau, schau, wem?

Smartphones sind ein Segen, bieten sie doch für nahezu jedweden Lebensanlass App-Hilfe. Jeder von uns hat auf dem kleinen Monitor seines Vertrauens seine ihm liebsten Anwendungen, die den Alltag in seiner Organisation mittels Digitalisierung leichter zu bewältigen suchen. Ich beispielsweise komme nicht ohne Wetter-App aus. Na gut, könnte man mir da sagen, du könntest ja statt auf das Smartphone, das dir mittels GPS-Signal dein Standortwetter berichtet, auch in die Umgebung und da vor allem in den Himmel blicken. Nein, mir geht es nicht allein ums Hier und Jetzt, mir geht es um die Vorschau und der banale wie offensichtliche Grund lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Trainingsplanung. Was kann ich, je nach Witterungsbedingungen, wann machen? Draußen? Zu welcher Tageszeit? Oder doch nur drinnen (großer Seufzer!)? Für mich Freizeitsportler mittlerer Intensität rücken wir nunmehr langsam und beständig in jene Jahreszeit, die in meinen Lieblingsdisziplinen nicht unbedingt meine Freiheit, mich zu bewegen, bevorteilt. Es wird wieder finster, nass und kalt.

Ich verwende eine Wetter-App, die über Temperaturentwicklung und die einschlägige Wettersymbolik hinaus den geneigten Anwender über UV-Index, Luftfeuchtigkeit, Fahrverhältnisse auf Straßen, Pollenbelastung und – Bedingungen fürs Laufen (!) informiert. Letzteres gerne auch mal in dieser Weise, das Fallbeispiel stammt aus dem gerade zu Ende gegangenen Sommer: Draußen ist finstre Nacht, eine Gewitterfront zieht übers Land und es schüttet (ausnahmsweise in diesem trockenen Sommer 2019) so, wofür die Briten in ihrer Sprache die herrliche Metapher von „cats and dogs“ setzen. Alles also ist Wasser, es prasselt nur so vom Himmel. Meine App gibt dem Laufsportler für diese Bedingungen die Empfehlung „ausgezeichnet“. Vielleicht gibt es jemanden, der die Live-Extremdusche beim Nachtlauf mag.

Mich erinnert diese digitale Beratung an eine legendäre Szene, die sich vor Jahren mitten im Strenger Tunnel der Arlberg-Schnellstraße abgespielt hat. Eine Frau hielt sich strikt an die Anweisung ihres Navigationsgeräts. Sie hätte in Pians abbiegen müssen, das tat sie nicht, ihr Navi riet ihr zur Umkehr bei nächster Gelegenheit. Sie vollzog dies in der nächsten Nische des Tunnels und fuhr gut 1,5 Kilometer als Geisterfahrerin zum Ostportal zurück. Die Überwachungskameras schlugen an, automatisch wurden die Ampeln an der Tunneleinfahrt auf Rot gestellt. Am Portal angelangt wendete sie angesichts der angehaltenen Fahrzeuge wieder und fuhr vorschriftsmäßig neuerlich Richtung Westen, …nicht lange, denn die Polizei stoppte sie. Sie gab ihr Fehlverhalten sofort zu.

Unsere Gehorsamsbereitschaft gegenüber Technologie ist erschreckend hoch und drauf und dran, den Verstand als Kategorie der Entscheidung für die richtige Handlung abzulösen. Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass eigenes Denken für sich und seine Umwelt unabdingbare Vorteile mit sich bringt und denken zu lassen nur Gesetzen der Maschine und nicht dem situativ bedingten Einschätzungsvermögen gehorcht. In der sogenannten künstlichen Intelligenz zeigen sich zwar dahingehend Fortschritte. Sie wird der Komplexität der menschlichen, hoffentlich auch in den Facetten ihrer Abgründe, niemals gewachsen sein.

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