Kunst

Die Stadt, die Sonne, der auf der Slackline

Von den Linzern hieß es einst, sie gingen in den Keller lachen. Das tun sie fallweise. Gerne hören sie dort auch zu. Gerne schwitzen sie in Kellern. So auch im Untergeschoß des Lentos-Kunstmuseums, konkret am späten Nachmittag des vergangenen Mittwochs, als im Rahmen des „pre-opening“ zur diesjährigen „Ars Electronica“ Zeitzeugen sprachen. Vor 40 Jahren wurde das Festival gegründet.

Eben wanderte das Mikrofon vom ehemaligen Landesintendanten des ORF-Landesstudios Oberösterreich, Hannes Leopoldseder, mit kurzer Zwischenmoderation („wie war denn das damals, als es noch ganz anders funktionierte, Events zu veranstalten?“), zum Münchner Komponisten Walter Haupt, der zwölf Jahre lang die Linzer Klangwolke gestaltet hatte. „Da muss ich ein bisschen ausholen“, sagte der 84-Jährige. Und während er so erzählte, schlenderte ich in dumpfer Hitze – einer Mischung aus eingesickerter Luft aus Hitzewellen dieses Sommers, aufgefrischt durch die zusätzliche Energiequelle einer Menge Gäste auf kleinem Raum – durch eine begehbare Foto- und Videothek.

Auf Bild-Text-Tafeln in deutscher und englischer Sprache verstehen diese, in einem den Gefühlsknopf nostalgischen Schwärmens zu drücken. „ARS and the City“ heißt die Sammlung von prägenden Highlights aus den Jahren und der Sex, der aus dem geliehenen Serientitel entschlüpft ist, liegt darin, was Bilder und Namen von Künstlern an Erinnerung auslösen mögen. Ich bescheide mich angesichts des Raumklimas in meiner Aufenthaltszeit, auch spricht Walter Haupt immer noch. Zur Sonne, zum Licht, der Spätsommer ist angezählt, aber er wärmt noch sehr.

Draußen im Donaupark läuft ein ganz anderer Countdown, der von 72 Stunden bis zur Inszenierung der diesjährigen Klangwolke, die unter dem Titel „Solar“ der Sonne huldigt. Irgendwie läuft sie schon ab, denn mich Flaneur begleiten die alle 30 Sekunden erschallenden Rufe einer Mutter nach ihrem „Pauli“, der dem Kinderwagen entstiegen auf Abenteuer aus ist, die die mütterliche Fürsorge zu lenken versucht. „Schau, da schwimmt ein Pferd auf der Donau!“, diesem wird gerade mit Lacksprühdose nochmals farblicher Glanz verliehen. Das Surren eines E-Scooters mischt sich in die Klangcollage. Jede Menge Tribünen, im Hellblau des Hauptsponsors gebrandet, sind errichtet. Am Sandstrand vor dem Linzer Brucknerhaus tanzt eine Gruppe Mädchen zu ein paar Beats aus einem Ghettoblaster eine Choreographie. Nicht einfach so: ein Mann hält mit seiner Filmkamera drauf und scheint wiederholt mit Performance und Aufnahme nicht zufrieden zu sein. Auf der Wiese sitzen zwei andere Mädchen, sie tuscheln über ein Smartphone gebeugt, aus dem sie Akkorde für einen Song recherchieren, den sie zu singen probieren und sich dabei mit der Ukulele begleiten.

Es ist kurz vor 18 Uhr und nach wie vor sehr heiß, ich umrunde das Brucknerhaus, spaziere zurück in Richtung Zentrum. Zwischen zwei Bäumen hat sich einer eine Slackline gespannt. Eben schwebt er noch vierzig Zentimeter über dem Boden, sein Körpergewicht drückt die Line auf diese geringe Fallhöhe. Er steigt ab, die Line richtet sich aus, nahe am Baum steigt er nochmals auf, balanciert Schritt für Schritt. Wer´s schon einmal probiert hat, weiß sofort: ein Könner. Er bekommt von den wenigen, die ihm zuschauen, Applaus. Und zwar absolut verdient.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s