26. April 1986. Ich lade also heute ein zu einer Zeitreise zurück, und das eine Woche vor dem 40. Jahrestag des Kernkraftwerkunfalls von Tschernobyl. Die eigene Wahrnehmungsperspektive auf dieses Ereignis schält sich viel zu gut gespeichert aus dem Gedächtnis heraus, eine seltsame Erinnerung, ich befand mich in den letzten Wochen meines Präsenzdiensts.
Zum Zeitpunkt des Unfalls galt NL36, NL stand für „neue Lage“, wir zählten die Tage bis zum „Abrüsten“ (so der Soldatensprachenbegriff fürs Ende) unserer achtmonatigen Pflicht für den Staat. Dieses „Wir“ umfasste Kameraden, mit denen ich gemeinsam nach achtwöchiger Grundausbildung (zu Pionieren in der Kaserne Ebelsberg im Süden von Linz, heute im Umbau zu einem „Ebelsdorf“ von neuen Wohnungen in sanierten Kasernengebäuden) nun in der Stellungskommission meinen Dienst versah, als sogenannter „Systemerhalter“. Wir unterstützten mit unserem Tun das Bestimmen der Tauglichkeit von 18-jährigen Oberösterreichern, also dem Jahrgang nach uns.
Mir als Absolventen eines Gymnasiums kam dabei die Zuteilung zum Wirtschaftsunteroffizier sehr zugute, denn ich lernte dort Buchhaltung (auf Papier und Karten, ein IT-Zeitalter dafür war noch lange nicht angebrochen).
Ende April veränderte sich unser Dienst zweifach. Erstens kam die nachrückende Kameradschaft zur Einschulung, um von uns mit 1. Juni (nach unserem Abrüsten per 31. Mai) zu übernehmen. Zweitens vermeinten Vorgesetzte für die verbleibenden Wochen, uns nochmals unsere Grundausbildungsinhalte theoretisch wie praktisch in Erinnerung rufen zu müssen. Der Super-GAU in der Sowjetunion (heute Ukraine) stellte das letztgenannte Vorhaben ab.
Als er bekannt wurde…, das dauerte bekanntlich ja einige Tage. Es wurde drängend, weil die skandinavischen Ländern Finnland, Schweden und Norwegen, über die die Wolke zog, deutlich gestiegene Messwerte auf deren Herkunft überprüften und bald erkannten, woher das Ganze denn nun gekommen sein musste: Als also der Name Tschernobyl zum Synonym des Schreckens geworden war, hieß es für uns Präsenzdiener Schluss mit Sport in Freiem und ebenso Schluss mit Arbeiten an der Anlagenpflege des Areals, konkret gesagt: Das Rasenmähen entfiel. Wir bildeten uns ein, den Grashalmen in den erhöhten Strahlenwerten beim Wachsen zusehen zu können.
Im Rahmen des 24-stündigen Wachdiensts war zudem durchzuführen, in bestimmten Intervallen nach draußen zu gehen, ein Messgerät, so klein, dass uns der mächtige Begriff Geigerzähler als zu überdimensioniert für die Winzigkeit dieser Technik erschien, in die Wiese zu halten und einzuschalten. Der Messwert war in Tabellenformulare einzutragen. Das Geräusch des Messgeräts, dieses Ticken dabei hat sich vor fast vierzig Jahren in meinem Gedächtnis unvergesslich eingenistet.
Foto: Pexels/Free Photo Library (Suchabfrage „Tschernobyl“)
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