Kunst

„Secret Stories“ als Schätze einer Stadt

„Parole?“ umflüsterte es ihn zweistimmig, Und er erwiderte „Dänemark“. Der eine Diener nahm seinen Pelz in Empfang und verschwand damit in einen Nebenraum, der andere öffnete eine Tür, und Fridolin trat in einen dämmerigen, fast dunklen hohen Saal, der ringsum mit schwarzer Seide verhangen war.“ (Arthur Schnitzler, Traumnovelle)

Parole? Andi sitzt auf der Wartebank am Bahnhof Franckstraße in Linz (Oberösterreich). Ich: Perlentaucher. Er: Gehen wir! Wir kennen uns. Seit langem schon. Heute allerdings treffen wir einander im Kontext einer Inszenierung. Es geht um Kommunikation in der Stadt. Es geht um das Ergründen von Geheimnissen, die Menschen als Schätze in sich tragen. Darum luden die Regisseure der Kunst der Kommunikation, „Die Fabrikanten“ (Maxime: „Kultur wächst durch Begegnung“), auch dazu ein, nach diesen zu tauchen.

Lerne deine Geburtsstadt (Linz/Oberösterreich) kennen: unter der Steyregger Brücke hält tatsächlich die S3 am Bahnhof Franckstraße

Und das ging so. Man meldete sich per e-mail an, so auch ich, und gab seine Telefonnummer bekannt. Zwei Tage vor dem gestrigen Samstag, an dem die „secrets“ in „Stadtausflügen zu verborgenen Geschichten“ (so der Projektuntertitel) ergründet worden sind, erhielt ich die erste Information per SMS: „Sei am 6.10. um 16:00 Uhr bereit, im Stadtzentrum deinen Stadtausflug zu starten. Weitere Infos folgen!“

24 Stunden vor Beginn wurde ich mit einer zweiten SMS zu einem Abholpunkt bestellt, 16:30 Uhr Eingang zum Barbara-Friedhof. Mein Passwort lautete „Tanz der Skelette“. Ich traf mich mit Claudia, die mir ihr Geheimnis rund um das Familiengrab anvertraute. Ich durfte mit ihr in ein tiefes Gespräch über Fragen von Erinnerungskultur und Ritualen eintauchen, über Pflichten, vielleicht auch Belastungen nachfolgender Generationen reflektieren sowie nach Impulsen suchen, wie wir damit umgehen, wenn die vor uns gehen. Wir schauten dann auch zum Grab meiner Familie und entdeckten viel Verwandtes in unseren Gedanken und Zugängen. Was für ein Gespräch! Nochmals „Danke!“ dafür.

Von Claudia bekam ich ein Kuvert mit dem Ziel meines zweiten Stadtausflugs. Der Blick auf die Uhr zeigte, die empfohlene Anreise per Bahn wird knapp. Claudia entschied, sie fährt mich hin. Lerne deine Geburtsstadt kennen! Wo also befindet sich der Bahnhof Franckstraße? Nicht in oder an der Franckstraße. Google Maps lokalisiert diesen nicht gerade präzise und selbst der Lenker eines öffentlichen Linienbusses, gerade auf Pause in seiner Endstation keine 200 Meter neben dem Bahnhof, konnte keine zielführende Auskunft geben. Tatsächlich hält unter einer Straßenbrücke die Schnellbahn S3. Einsam sitzt ein Mann auf der Wartebank. Andi. Parole? Perlentaucher. Andis Geheimnis: als die Industriegiganten links und rechts der Straßenbrücke noch kräftig Emissionen in die Linzer Luft bliesen, rätselte der Pendler Andi auf seinen regelmäßigen Autofahrten von Schwertberg im unteren Mühlviertel nach Linz, was sich über seinem Kopf wohl chemisch in den Wolken seltsamer Färbung abspielen könnte. Zur eigenen gesundheitlichen Vorsorge beschloss er, die Fahrt über die Steyregger Brücke und ihre weiterführende Verbindung bis zum Kreisverkehr mit angehaltener Luft zu bewältigen. Apnoe im Auto also, ein Atemzug für zwei Kilometer, für eine Fahrzeit von gut zwei Minuten.

Wir gingen diesem Geheimnis auf den Grund, stiegen in Andis Auto und probierten es aus, einmal von Linz hinüber auf die linke Donauuferseite, Andi hielt ein wenig länger durch als ich. Dann wieder zurück, da schaffte ich ein paar hundert Meter mehr als Andi. Zwei ganze Kilometer in zwei Minuten mit nur einem Atemzug? Ohne Training illusorisch.

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2 replies »

  1. Auch ich durfte mit dem mir zugedachten Codewort „Entschleunigungspunkt“ die kleine Entdeckungstour durch Linz antreten. Erinnerungen an die „Schnitzeljagden“ zu den Kindergeburtstagen, die ebenfalls mit sehr viel Spannung und sehnsüchtig erwarteten Schätzen einhergingen. Mitten in der Stadt auf einer Matte unter einer erhabenen Platane liegend sich den Frequenzen des Bodens hingeben, sich dabei entschleunigen, so wie es an mehreren Plätzen Europas, erkennbar gemacht durch die vom Künstler Udo in den Boden eingelassene Steine und Glasplatten, seit Jahren schon Brauch ist. Auch in Ottensheim sind solche Steine, die das Pulsen des Platzes abstrahlen, zu finden. Anfangs fing mein Herzschlag an, schneller zu werden, bis sich dieser gemeinsam mit meinem Atem wieder beruhigte und ich beinahe eingeschlafen wäre. Danach das geheimnisvolle Kuvert mit der Ortsangabe des nächsten Geheimnisses, das auf seine Freilegung wartete. Verschiedene Hürden wie mächtige alte Tore und eiserne Türen begrenzen meinen Weg über viele Stufen in das letzte Stockwerk eines uralten geschichtsträchtigen Linzer Stadthauses. Dort ist eine Wohnung auf Stelzen in den Dachboden gebaut und erhebt sich wie ein Adlerhorst über die angrenzenden Dächer. Der Blick frei in 3 Himmelrichtungen, das Licht strömt auch am bereits hereinbrechenden Abend noch in den seit 30 Jahren vom Künstler bewohnten intimen Lebensbereich. 30 Jahre mit abenteuerlichen und auch traurigen Geschichten, die da vorgelesen werden, geprägt von Dekaden davorliegender Historie, wie bereits gemalte Bilder aus dem 18.Jhdt. zu belegen vermögen. Vor 30 Jahren bin auch ich nach Linz gekommen und immer noch erobere ich mir diese Stadt. Am Samstag hat SIE mich wieder ein kleines Stückchen erobert und ist wieder ein liebenswerter Teil meiner persönlichen Lebensgeschichte geworden. Danke an „die Fabrikanten“ und die SchatzheberInnen…..und sehr gerne würde ich auch noch alle anderen „secrets“ persönlich erfahren dürfen……so wie bei der „Schnitzeljagd“……!!!

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