Philosophie

Was wiegt heute Wahrheit?

Diese Frage lastet zunehmend schwer auf unserer Gesellschaft. Denn am Wahrheitsbegriff wird sehr viel, zu viel herumgedeutet. Da dominiert das eigene Weltbild, nicht mehr die Übereinkunft über Faktenwissen, das bewiesen wurde, weil man auf unterschiedlichen methodischen Wegen Ergebnisse überprüft und darum gefestigt hat.

Immerhin gehen wir in weniger als fünfzig Tagen auf den traurigen ersten Jahrestag zu, dass in Europa wieder Krieg herrscht, Krieg, den die eine Seite so nicht nennen lässt, andernfalls drohen Freiheitsstrafen. Wir befinden uns seit der Invasion von Russland in die Ukraine in einem Informationskrieg, in dem sich (ich betone!) beide Seiten nichts schenken. In einer Zeit, die nach Neuigkeiten nur so heischt, die dabei aber kaum Energie aufbringen kann (oder will), diese auf Tatsächlichkeit zu überprüfen, wird ein Tanz ums „Kalb der Wahrheit“ über alle Informations- und Kommunikationskanäle aufgeführt.

Vor bald sechs Jahren lernten wir angesichts von deutlicher Löchrigkeit in der erschienenen Menschenmasse auf der National Mall in Washington zur Angelobung von Donald Trump als amerikanischen Präsidenten die Begrifflichkeit der „alternativen Fakten“ kennen. Seither, also erschreckenderweise in kurzer Zeit, konnten diese in vielen Bereichen eine Dominanz gewinnen. Selbst einfache Bezugsgrößen scheinen außer Kraft gesetzt. Anders ist wohl kaum zu verstehen, warum die Organisatorin der einer ganzen Stadt, meiner Heimatstadt Steyr in Oberösterreich, lästig gewordenen „Spaziergänge“, vulgo Aufmärsche von Ganz-Anders-Denkenden (vormals die Gegner zu Corona-Maßnahmen), so vorrechnet: Zu den Klimaunterstützungsmaßnahmen der Republik Österreich wetterte sie, dass der Staat Österreich 222 Millionen Euro für Reparationen von Klimaschäden an besonders betroffene Staaten gebe. Würde dies nicht geschehen, „wäre jeder Österreicher nun Millionär“ (Quelle: Videoausschnitt vom „Spaziergang“ am 13. November 2022 in Facebook). Demnach spricht sie von einer Bevölkerungsdichte von einer Person auf knapp 378 Quadratkilometern (Vergleich: Die Stadt Wien steht auf 414 Quadratkilometern und wird also nur von einer Person bewohnt). Gerade jetzt, zu dieser Sonntagabendstunde (der blog-post ging um 17 Uhr online) fallen die Spaziergangstouristen aus anderen Regionen wieder in unserer schönen Stadt am Zusammenfluss von Enns und Steyr ein, um ihr Zwei-Jahres-Jubiläum abendlichen Belärmens der Bevölkerung zu feiern. Die Stadt käme rechtlich dagegen nicht an, sagte der Bürgermeister Mitte Dezember 2022 im Gemeinderat. Er betonte die antifaschistische Haltung von Steyr – dies, nachdem sich am Sonntag Nr. 100 einschlägig bekannte Persönlichkeiten der rechten Szene Österreichs den „Spaziergängern“ angeschlossen hatten. Was wiegt diese Wahrheit? Bislang nichts.

Wirklichkeit ist stets eine Konstruktion, das ist allseits bekannt. Auch die der „Spaziergänger“. Wenn sie veredelt wird, indem ihr ein Wahrheitszuspruch (nicht -anspruch) erteilt wird, losgelöst von Jahrhunderten wissenschaftlich geprüfter Erkenntnisse, wird es problematisch. Wir scheinen am Ende der Aufklärung angekommen. Sie verbleicht als verhältnismäßig kurze Episode in der Denkgeschichte von Welt, von 1750 bis jetzt, sie bringt es auf wenig mehr als 270 Jahre.

Ich sah eine Tatort-Folge („Katz und Maus“, 11.12.2022) mit dem Team Dresden und fand den Plot irgendwie als sehr sinnbildlich für unsere Gegenwart. Die Geschichte erzählte vom Kampf gegen einen Erpresser, Entführer und Mörder, der sich aus dem Verschwinden einer Vielzahl von Kindern, 150 über mehrere Jahre, darunter auch seine eigene Tochter, seine Wahrheit gezimmert hatte. 24 Stunden gab er den Ermittlern, die vermeintlich allesamt entführten Kinder zu retten. Seine Tochter flüchtete einst vor der Gewalttätigkeit des Vaters und stellte sich den Ermittlerinnen zur Verfügung, um dem Vater die Augen zu öffnen. Er konnte bzw. wollte das nicht annehmen. Die Polizei griff schlussendlich zum Mittel, mit einem inszenierten Video der Befreiung der Kinder dem Wahrheitsbegriff des Täters zu entsprechen und so die Gewaltspirale zu durchbrechen. Vorerst noch Problemlösung in der Fiktion einer Filmerzählung – auch realitätstauglich?

Das hieße dann nämlich: Nur mit dem Eindringen in die frei konstruierten Wahrheitswelten lassen sich unabsehbare Folgewirkungen unterbinden. „Fakes“ werden plötzlich und anscheinend alternativlos Mittel zum Zweck, bestimmten einzelnen Personen oder Gruppierungen in ihren Wahrheitsverirrungen zu begegnen.

Oder: Zu entsprechen? Uff! Was macht das mit uns? Und wohin gehen wir damit als Gesellschaft?

Foto: Bohinjsko Jezero (Wocheiner See) in Slowenien am 3. August 2022

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