Lifestyle & Mode

Superschlimm

Kaum war im Handel die Weihnachtsdekoration abgebaut, begann neuer Schmuck die verbliebenen Waren zu zieren: „Sale“. Da zieht es dann auch mich in die Tempel der Textilien. Denn fürs Umsetzen des Jahresvorsatzes, besonders lieb gewonnene Bekleidungsstücke abzustoßen, weil diese schon an die Grenze zum sichtbaren Verschleiß geraten sind, beginnt nun eine interessante Zeit für Shopping.

Ich stürzte mich ins Abenteuer. Im horror vacui der Kleiderständerlandschaft filterte ich mir mit professionell zusammengekniffenen Augen jene Stellen mit Angeboten heraus, die mit dem englischen Zauberwort der Verbilligung versehen waren. Und dabei zugleich zeigten, was für den Handel weiterhin an Verkaufsspanne im angebotenen Produkt stecken muss. Ich entdeckte ausschließlich Ware der nach vierteiliger Großgruppendefinition von Zuschnitt definierten Kategorie „super slim fit“.

Jetzt wissen wir in Österreich ja alle, dass vom Wunderknaben Jungkanzler nicht viel mehr übrig geblieben ist als abertausende Chatprotokolle, Rechnungen zu Meinungsforschungen, welchem Tier er wohl am besten entsprochen habe, juristische Nachspiele und ein sehr intensiver Stallgeruch von Korruption, der aus den vergangenen Jahren bis in die Gegenwart wabbert. Und: ein Stück Modestil. Super slim fit. Das ist Stil, bei dem Mann im Sakko aussieht, als wäre er in jenem zur Firmung seither gefangen geblieben und im Wachstumsschub seiner Pubertät wären der Knopf, der das Sakko schließt, auf Brustbeinhöhe und die Schöße auf Gürtellinie hochgefahren. Nicht jeder aber hat die Figur eines Karl Valentin, will sie sicher auch nicht haben. Wer schaut schon gern aus wie ein Spargel? „Ein Lauch“, wählt meine Tochter für das überschlaksige Männerbild eine andere Gemüsesorte als Bild. Ich sage auch gerne: Hungerhaken.

Vor Jahren stieß sich die Welt an den magersüchtigen Models, an deren nur noch von Haut bedeckten Schultergelenken ein Tuch als Kleid hing, das das Skelett ohne körperliche Formen umflatterte. Dann griff auch in der Modewelt der Damen „body positivity“; die extreme Schlankheit als Idealbild wechselte das Geschlecht.

In einer Saison, die Mann wie Frau gerade der Üppigkeit der Labungen bei familiären Festen zur Weihnacht und zum Jahreswechsel nachjammern lässt, Motto – Minuten im Mund, Wochen auf der Wampe, steht man an den Kleiderständern und weiß: Es liegt nicht nur daran. Auch der Dominanz eines Mannsbilds in den regionalen Kulturen, in denen ich lebe, folgend ist offensichtlich, dass hier zielgruppendesorientiert super-schlimm-fitte Ware produziert und geliefert wird. Selbst trotz kräftiger Preisreduktion bleibt sie, wo und was sie ist: Ladenhüter.

Foto: Openverse/Free Photo Library

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