Sprache

Symptomatisch fürs Jahr

Ich mag das Unterfangen der Gesellschaft für Österreichisches Deutsch mit Sitz in Graz. Im Herbst lädt sie immer in zwei Stufen dazu ein, im österreichischen Gebrauch der deutschen Sprache das sich seinem Ende zuneigende Jahr zu bilanzieren.

Zuerst kann jede und jeder in bestimmten Kategorien Vorschläge einreichen. Anfang November werden diese wissenschaftlich gesichtet und anschließend sehr rasch der über Internet erreichbaren Öffentlichkeit zur Abstimmung zur Verfügung gestellt.

Ich reichte in vier von fünf Kategorien ein (fürs Jugendwort falle ich altersbedingt schon sehr lange aus) und zwar als …

…Wort des Jahres: Übergewinn, herrlicher Präfix für ein Nomen, es entsteht Pleonasmus-Charakter, denn im Wort „Gewinn“ steckt wirtschaftlich gesehen ja schon der Überschuss (Einnahmen minus Ausgaben). Nun als kommt mit dem „Über-“ eine Steigerung dazu, die sprachlich auszudrücken versucht, was gerade 2022 in ausgewählter Energiewirtschaft an Geldanhäufung geschah. So meldeten die OMV für die ersten neun Monate 2022 einen Reingewinn von neun Milliarden, eine also pro Monat, oder 386 Euro pro Sekunde.

… Unwort des Jahres: Strompreisbremse, seltsames sprachliches Bild, denn es ist schwer vorstellbar, wie Bremsbacken oder -scheibe einen Preis zum Stillstand bringen können. Bremse kracht also als sprachliches Bild, Katachrese sagt man dazu fachlich korrekt. Kleine Anmerkung nebenbei: Strompreisdeckel wäre um nichts besser gewesen.

… Spruch des Jahres: „Das darf doch alles nicht wahr sein“, ein Satz, wie er der österreichischen Seele Luft zu machen versteht, im konkreten Fall der des Bundespräsidenten, nachdem neuerlich ein Schub Chats aus dem Netzwerk zwischen Politik, Medien und Herrn Schmid bekannt geworden war. Österreich hätte viel zu erledigen gehabt in diesem Jahr. Die schmutzige Vergangenheit holt uns immer wieder ein, irgendwie schon auch symptomatisch für unser Land.

… Unspruch des Jahres: „Servus! Schon irgendeine Lösung in der Steuersache?“, ein Zitat aus den eben benannten Chats, auch sehr typisch für Denk- und Handlungsweise bestimmter Kräfte in der Republik. Diese meinen, es gebe für Steuerpflichten nach geltenden Steuergesetzgebungen Ausnahmen, sogenannte „österreichische Lösungen“. Welch lange leidige Last im Land, leider listig lanciert von einem Landeshauptmann (!), der diesen Unspruch spendierte!

Weil es mir ein pädagogisches Anliegen ist (und unser Deutschbuch in der neunten Schulstufe aufmerksam die Arbeit der Gesellschaft für Österreichisches Deutsch auch den 14-Jährigen näherbringt), spornte ich meine 36 Schüler*innen der 1A auch an, selbst Wörter und Sprüche des Jahres 2022 einzureichen, insbesondere im Bereich Jugendwort.

Wie es nun tatsächlich ausgeht, soll am kommenden Donnerstag der Öffentlichkeit mitgeteilt werden. In der Kategorie Jugendwort tippen wir (Klasse und ich) übrigens darauf, dass der sehr seltene Fall eintreten kann, dass das Jugendwort des Jahres in Deutschland und das in Österreich ident sein könnte, nämlich „smash“. Ich ließ mich aufklären, was es bedeutet. Man lernt nie aus ;-).

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