Satire

Unsere Pandemie-Psychosen

Am vorvergangenen Samstag verlasse ich zu Mittag meine Wohnung in Richtung Sport und begegne im Stiegenhaus dem Herrn Nachbar. „Wen trifft man denn da?“, grüßt er mich und dann gleich weiter: „Jetzt hab´ auch ich Corona gehabt!“ – „Naaa geh!“, antworte ich, österreichisch für „nein, so ein Blödsinn!“, zugleich auch Ausdruck, dass mich irgendwelche Details überhaupt nicht interessieren.

Denn es war eher schwierig, nicht die sorglose Selbstinszenierung des Herrn Nachbarn zwei Wochen zuvor mitzubekommen. Aus dem Stiegenhaus war nicht überhörbar, wie mit FFP2-Masken geschützte Frauen Lebensmittel anlieferten, sprachen sie ja dann, zusätzlich Abstand haltend, vom Halbstock unterhalb mit dem Mann, der in seiner weit geöffneten Wohnungstür stand. Von dort blies er lautstark mit dem weiblichen Lieferservice in Konversation, ohne Schutzfilter vor Nase und Mund, sein infizierendes Aerosol aus. Der Blick durch meinen Türspion lieferte mir den Beweis. Auch lief er während seiner Quarantäne gerne maskenfrei in den Keller und natürlich zurück, jedes Mal dabei kräftige Huster ins Stiegenhaus absetzend. Das Ganze geschah zu Zeiten, in denen die Omikronwelle mit täglich an die 40.000 nachgewiesenen Infizierten österreichweit durchrauschte. Disziplinloser Umgang mit der Infektion wird die Welle wohl gut genährt haben.

Ich entschied mich damals dazu, selbst im Stiegenbereich unseres Mehrparteienhauses nur noch mit FFP2-Maske zu verkehren. In kleineren, schlecht belüfteten Räumen bliebe das Coronavirus im Aerosol durchaus bis zu drei Tage in einem Aktivstatus, sagt die Wissenschaft. Wer braucht es also darum schon auf eigenen Schleimhäuten, nur weil man die Stiege hinunter oder hinauf und dabei natürlich atmen muss?

Geprägt zudem aus einer beruflichen Situation, die als Hochsicherheitstrakt der Prävention konzipiert sein muss, weil Menschen in der Begegnung im Unterricht und rundherum in einem Schulgebäude zu den „körpernahen Dienstleistern“ zu rechnen sind, haben zwei Jahre ihre Spuren in meinem und unserem Verhalten hinterlassen, Prägungen, die in ihren Voraussetzungen alle Anlagen zeigen, dass sie psychotisch werden können:

Kann ein Arbeitstag jemals wieder ohne Wattestäbchen in den Nasenlöchern beginnen, ohne Routinen des Rührens in Pufferlösungen, des Träufelns, des Ablesens von Testergebnissen, den eigenen wie anderen suspekten, noch nicht ganz eindeutigen, da sogar mit Lupe und Taschenlampe im Einsatz?

Wir in den Schulen sind fleißige Handdesinfektionsmittelverbraucher geworden, so viel, dass uns die Haut an Fingern und Händen schon rissig geworden ist. Das Schwesternprodukt für die Flächenreinigung hat den gesättelten Geruch aus Klassen, diese Mischung aus verschiedenen Stofflichkeiten, Mobiliar, Papier, Schweiß, Hormonen, gerührt durch rauminterne Verwirbelungen und zuvor selten bis nie entlüftet, verdrängt. Es weht ein für die Nasenschleimhäute scharfer Wind aus den Bankreihen. Ertragen wir es, wenn dem einmal nicht mehr so ist?

Wie ergeht es uns, wenn wir nicht mehr den Verbrauch von Antigentests statistisch erfassen und einmelden? PCR-Tests etikettieren, zuerst einzeln in Säckchen, dann nach Klassenverbund in den nächsten Beutel verpacken, im Wettkampf gegen die Uhr zur frühen Abholzeit durch den Logistiker für den Transport ins Labor?

Wie fühlen wir jemals wieder gesundheitliche Sicherheit, wenn all das – kosten- und müllintensiv – zurückgefahren worden ist?

Zu den optionalen Psychosen zählt auch jene, in der Freiheit friedfertiger Bewegung in einem demokratischen Land eingeschränkt zu werden und zu bleiben, und zwar deswegen, weil der weiterhin geduldete Protest auf der Straße, vorderhand gegen Pandemiemaßnahmen und Impfpflicht (beides zurzeit ohne inhaltliche Relevanz), konstant Präsenz zeigt. Die Attacke mit einem gegen die Klubobfrau der Grünen im österreichischen Parlament geschleuderten Trinkglas in einem Gastgarten vor der Karwoche ist als Gewalttat verwerflich und strikt zu verurteilen. Warum der Bundeskanzler diesen Angriff „feig“ nannte, verstehe ich immer noch nicht. Denn feig finde ich das weiterhin ungehinderte Zulassen sogenannter Spaziergänge und auch -fahrten, in denen Gegner staatlichen Regelwerks sehr laut und immer im Latenzbereich zu einer Eskalation den Alltag anderer durch diese ihre psychischen Gewaltakte beeinträchtigen dürfen.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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