Satire

Interview mit einem Virus: Das zweite Treffen

Nosing Around: Wir treffen einander heute sieben Monate nach unserem ersten Gespräch, am Vorabend des österreichischen Nationalfeiertags. Danke für Ihre Zeit! Wie geht es Ihnen?

COVID-19: Danke der Nachfrage! Gut. Ich möchte sagen, fast sehr gut.

NA: Warum nur „fast“ sehr gut?

C: Diese Anstrengungen Ihrerseits, unsere Ausbreitung einzudämmen, während Sie an Ihren alten Lebens- und Handlungsweisen strikt festhalten, sind – freundlich gesagt – bemüht. Wir sind einfach wenig erfreut, wenn Sie uns die Eroberung weiterer Wirte erschweren, weil sie einen Menschen, in dem Sie uns festgestellt haben, für Tage und Wochen wegsperren. Wir sind die größte Wachstumsbewegung, die die Welt in den letzten Jahren gesehen hat. Wir verstehen nicht, warum Sie das nicht einfach anerkennen wollen. Wachstum war Ihnen doch auch bisher immer einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Wert überhaupt.

NA: Da kann ich kaum etwas entgegnen. Aber Sie verstehen schon, dass wir uns mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln Ihrem Streben nach Weltherrschaft entgegenstellen müssen?

C (lacht kurz): Probieren Sie´s!

NA: Wir sind dran. Ihr Stolz scheint mir im Vergleich zu unserem ersten Gespräch weiter gewachsen zu sein.

C: Mit Recht, schauen Sie sich doch die Zahlen unserer Verbreitung an, bemessen an der Zeit, in der wir dies erreichen konnten. Wir sind in der zweiten Welle und bekanntlich entwickelt diese eine enorme Stärke. Das haben Kollegen von uns schon in historisch bemerkenswerten Aktionen, wie zum Beispiel der Spanischen Grippe vor hundert Jahren, eindrucksvoll bewiesen.

NA: Von den Opfern, die Sie fordern, sind wir in diesem Beispiel aber – Gott sei Dank! – extrem weit entfernt.

C: Ja, das ist für uns unerreichbar. Obwohl die Welt heute mehr Dorf ist als vor hundert Jahren. Schade.

NA: Schade?

C: Natürlich.

NA: Sie zeigen sich eiskalt.

C: In dieser Temperatur geht es uns bekanntlich am besten. Für uns kommt ja jetzt erst die Hauptsaison und (kichert) gerade Sie in Österreich scheinen schlecht darauf vorbereitet zu sein.

NA: Inwiefern?

C: Naja, wenn ich unsere Aktivisten in anderen europäischen Ländern so beobachte, wird es Ihnen im bereits erwähnten Sinn schwer gemacht, vor allem in unserem zweiten Hauptaktivitätsfeld, dem Nachtleben, in schlecht belüftbaren Innenräumen, in denen viel zu viele Menschen ausgelassen feiern und der Alkohol sie in Ihrem Sinn leichtsinnig, in unserer Interpretation hervorragend näherkommen lässt. Nirgendwo ist für uns die Eroberung neuer Wirte mittlerweile leichter geworden. Dankbarerweise tragen jene Menschen uns dann in Familien, mit denen sie ebenso engen Kontakt pflegen. Von dort schaffen wir es an Arbeitsplätze und in Schulen. Leider wurde dieses Nachtleben in vielen europäischen Ländern bereits verboten, bei Ihnen in Österreich noch nicht. Hoffentlich bleibt das noch länger so.

NA: Sie sprachen gerade von Ihrem zweiten Hauptaktivitätsfeld. Was ist dann das erste?

C: Wie schon im Frühjahr erwähnt, ehrt uns die Bezeichnung als „Schifahrerkrankheit“. Wir sind schon ganz gierig darauf, hier wieder tätig zu werden. Weil Schifahren ist „das Leiwandste, was man sich nur vorstellen kann“. Es heißt doch so in einer Ihrer geheimen Nationalhymnen, oder?

NA: Ja. Es gibt gerade für den Wintertourismus Maßnahmen, die Ihnen Ihre Mission nicht so leicht machen sollen.

C: Meinen Sie wirklich, ein Anstellen in Talstationen bei Gondelbahnen wird konsequent mit Abstand erfolgen, einer Verweildauer von unter 15 Minuten dicht gedrängt nebeneinander? Meinen Sie wirklich, es wird keine Après-Schi-Szene geben, die sich illegal sehr wohl in Innenräumen entwickeln wird? Wir werden sehr rasch investigativ enthüllen, was hier alles nicht klappen wird.

NA: Sie sind mit den österreichischen Verhältnissen in den vergangenen Monaten schon sehr gut auf Tuchfühlung gegangen …

C: … was für uns ein Kinderspiel gewesen ist. Es sind diese inkonsequenten Vorgangsweisen, die es uns leicht machen, leichter als in anderen Staaten, die in vielen Belangen viel restriktivere Entscheidungen treffen. Und diese auch durchziehen.

NA: Wie meinen Sie das?

C: Schauen Sie! Sie machen zum Beispiel im Bildungswesen eine eigene Ampel gegen uns, vier hübsche Farben. Für jede definieren Sie, was Sie dann tun wollen. Dann werden je nach Anlass Farben geschaltet und dann gilt das, was Sie festgelegt haben, ohnedies nichts.

NA: Hierzulande nennt man das „eine typisch österreichische Lösung“.

C: Wir mussten auch lernen, dass unser Aktivwerden bei Ihren Landsleuten zum Beispiel an einem Mittwochnachmittag ideal ist.

NA: Warum?

C: Weil Ihre Gesundheitsbehörden hier nur einen kurzen Amtstag haben, nach 12 Uhr erreichen Sie telefonisch niemanden mehr.

NA: Da haben Sie Recht. Was gefällt Ihnen sonst noch besonders gut an Österreich?

C: Dass Sie Ihre Maßnahmen immer an wirtschaftlichen Zielen ausrichten, nie aber an der Gesundheit der Bevölkerung. Da bitte ich Sie jetzt um Verständnis, denn ich spreche damit ja gegen unsere eigenen Interessen. Aber die Ankündigungen von sogenannten „Lockdowns“ – die uns wirklich zusetzen, weil sie unsere exponentielle Ausbreitung tatsächlich schwer behindern – zweckbestimmt zur Rettung des Wintertourismus sind entzückend. (grinst breit) Ja, auch wir wollen, dass der Wintertourismus gerettet wird.

NA: Wie eingangs erwähnt sprechen wir heute am Vorabend des österreichischen Nationalfeiertags miteinander. Österreich gedenkt dabei des Beschlusses seiner immerwährenden Neutralität. Auch dass in den späten Oktobertagen 1955 letzte Besatzungskräfte das Land verlassen haben, spielt in das Verständnis dieses Feiertags hinein. Ähem, das zuletzt Genannte – für Sie ein Denkanstoss für eine große historische Parallelaktion?

C (fixiert den Interviewer kurz und intensiv, dann): Netter Versuch. Nein.

NA: Ich bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch.

C: Gerne.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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