Sprache

Phonotypie einer Problembetrachtung

Österreichs langjähriger Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl, dem selbst Wladimir Putin zu diesem Umstand bei einem Besuch ein charmantes „Diktatur!“ zurief, veröffentlichte ein Sachbuch zu weltwirtschaftlichen Entwicklungen, Titel „China am Ziel! Europa am Ende?“. Das Buch erschien sehr knapp, bevor etwas anderes aus China die Themenführerschaft übernommen hatte. Mit dem Büchlein wollte Leitl viel, vor allem zwei auf die nächsten dreißig Jahre zu betrachtende Entwicklungslinien verschränken, einerseits ein „Hui“ für den aus dem Reich der Mitte wehenden wirtschaftlichen Aufschwung, andererseits ein „Pfui“ für den schleichenden Ausstieg Europas aus dem forcierten Tempo globaler Wirtschaftsentwicklungen.

Zwei Fakten irritierten mich in meiner Lektüre schwer: Erstens, Leitl verliert in seiner Bewunderung für den Aufschwung Chinas kaum ein Wort darüber, dass hier eine sogenannte „Leistungsdiktatur“ nach ökonomischer Weltherrschaft strebt. Warum hat ein Lektor hier nicht angeklopft und vom Autor auch eine klare Position zur und vor allem eine inhaltliche Reflexion der Politik in China eingefordert? Zweitens, auch seine Kritik an der laschen Handlungsweise der Europäischen Union bleibt zahm. Sie greift nicht, was notwendig wäre, in die Tiefe der Strukturen. Auch hier wünschte (Konjunktiv!) man sich die Intervention eines Lektors.

Wann auch immer Akteure nach ihrem Abgang aus Toppositionen in Politik und Wirtschaft unter die Autoren wechseln, wollen Verlage freilich die große Strahlkraft ihrer Prominenz nutzen, solange wegen des bekannten Autorennamens noch kräftiger Absatz einer stattlichen Auflage garantiert ist. In der Regel schreibt darum jemand, der des Schreibens mächtig ist, nach Interviews oder in Diktiergeräte gesprochenen Monologen des Prominenten das Buch so, dass bei Lektüre die in der Öffentlichkeit ja bestens bekannte Stimme des Sprechers weiterhin durchklingt. Erst die handwerklich gekonnte Überarbeitung der gesprochenen Sprache verwandelt die Gedanken eines opinion leader zu einem soliden Text mit Würde und auch Anspruch. Den will man als Lesender ja haben. Leitls Buch erscheint aber als pure Phonotypie. Das Lesen verwandelt sich in seiner dabei in meinem Kopf erklingenden Stimme zu einem überlangen Pressekonferenzauftritt, zu Lehrstunden über und in Funktionärssprache. 165 Seiten lang.

Ich habe es durchgehalten. Irgendwie berauscht es einen, aber nur kurzfristig. Der Kater danach ist grässlich, denn er zeigt sehr wohl auch den Umgang mit einer Problemsituation im Großen: Man erkennt diese, lullt dazu alle in Polit- und Wirtschaftssprech ein. Man verlässt diese. Problem bleibt. Willkommen in der Gegenwart!

Foto: Pexels/Free Photo Library

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