Theater

Endlich wieder im Theater!

Die äußere Inszenierung ist bestimmt durch das Coronavirus. Hier geht man noch mit Mund-Nasen-Schutz, sobald man das Haus betritt, im konkreten Fall die Kammerspiele des Landestheaters Linz (Oberösterreich). Abgelegt wird das Tuch vor dem Mund erst, wenn man seinen Sitzplatz eingenommen hat. Solche gibt es nur in jeder zweiten Reihe, zwischen einem und dem nächsten Besucher bleiben zwei Plätze frei. Die Auslastungsmöglichkeit sinkt somit auf 25 Prozent des Möglichen.

Markus Ransmayr tritt auf und erklärt einleitend die Genese der beiden Monologe unter dem Titel „Ich bin kein guter Mensch“, die er sodann spielen wird. Dies wirkt als Durchbrechen der vierten Wand, ist allerdings bereits Teil der Fiktion, Autor Marc von Henning will es so. Mit dem dramaturgischen Kniff verbrüdert sich der Schauspieler mit seinem Publikum, auch werden Zusehen und Zuhören analytischer – ganz unaufwändig und raffiniert zugleich.

Zwei falsche Propheten stellt Ransmayr dar, der eine ein nordamerikanischer Prediger, ein Heilsbringer, das Mikrophon drückt er sich vor sein Brustbein, als bekenne er mit dieser Geste seine eigene Schuld. Das liebliche Säuseln, das so ratten- wie seelenfängerisch verführen soll, kann dann, wenn er das Mikro vor den Mund führt, den Kathedralen-Ton bekommen, den es braucht, wenn die eindringliche Verführung alle der fiktiven Jungchristen erreichen soll, als die wir lose verteilt im Zuschauerhaus sitzen. Dieser Bruder Paul kennt keine Grenzen, er macht sich in der fiktiven Zwiesprache mit einer Christin, auf einem Sessel sitzend, selbst zu Jesus. Die eigene Sündengeschichte (er ist ein bekehrter Säufer) erklingt als Audiofile aus dem Laptop. Im Ausdruckstanz dazu setzt Markus Ransmayr den poetischsten Moment des Abends, der deswegen seine Ungeheuerlichkeit allerdings nicht verliert. Denn das messianische Umgarnen seines Predigens holt im Erscheinungsbild – schlank, gegelter Scheitel, Brille – ein Zwillingsbild zum eben strauchelnden CDU-Hoffnungsträger Philipp Amthor auf die Bühne. Diese Rhetorik, dieses Verkleben unserer Gehörgänge und Ganglien mit süßen Verheißungen, abwechselnd mit Drohungen von Strafe und Untergang, wie gut kennen wir diesen Stil doch auch aus der österreichischen Politik? Jeder wird irgendjemanden kennen, der auch da falscher Prophetie auf den Leim gegangen ist.

Der zweite Auftritt gehört Carsten, Bruder von Thomas, für den er als Referenten für Notfallsanitäter einspringt, als Experte für jene, die „ran“ müssen, wenn die Voraussetzungen besonders fordernd sind, was heißt: viel Blut. Die Exzentrik dieser Figur, bei Markus Ransmayr wie ein bis auf Anschlag hoch gedrehtes Aufziehmännchen, das nun seine Show abspult, sucht sich Anerkennung durch das Publikum mittels jenes Humors, mit dem Referenten in der ewigen Wiederholungsschleife ihrer Vorträge ihre Klientel zu unterhalten glauben. Dieses Lachen soll einen schockresistent werden lassen. Es ist allerdings nichts anderes als eine große Maskerade, hinter der die Figur zugleich ihre eigenen privaten Unzulänglichkeiten zu verbergen sucht.

Dieser Abend erweist sich als Part des sogenannten Sonderspielplans des Landestheaters Linz als ein Schlüssel. Denn die Erzählkonstruktion bedient sich ja des (fiktiven) Umstands, dass der Autor/Schauspieler auf eigene Erinnerungen zurückgreift, die er durch sein Spiel präsent macht und zur Auseinandersetzung anbietet. Warum der Abend also nur zweimal gezeigt worden ist, an zwei Samstagen in Folge (erstmals am 20., Reprise gestern am 27. Juni), erweist sich, wenn man diese Formate nicht vernünftigerweise weiterziehen möchte, als zu bescheidener experimenteller Vorstoß, wie Theater unter Corona-Regeln Menschen erreichen und ansprechen können soll.

Dazu muss ich auch noch anmerken, dass im Sonderspielplan (mit jeweils nur zwei Aufführungen) die insgesamt drei Monolog-Abende ausschließlich von drei Herren des Ensembles und ein Liederabend von drei Schauspielerinnen gemeinsam eine seltsame Geschlechterverteilung zeigen. Sehr gerne sähe ich auch Frauen in Monologen nach eigener Wahl und in eigener Inszenierung und die Herren in Kleingruppen singend. Mehr Mut also zu Statements und zu neuen, erst zu entwickelnden Schauspielformaten! Mit diesen ließe sich nämlich bei einer etwaigen Wiederkehr des Virus mit Folgewirkung der Unterbindung kollektiver Arbeit auf der Bühne dem Aushungern eines interessierten Publikums trotzen. Theater kann das! Von Theater erwarte ich mir das!

PS.: Leider existiert zu den Sonderspielplanproduktionen des Juni 2020 am Landestheater Linz kein szenisches Bildmaterial. Das Beitragsbild versteht sich als Stillleben aus der corona-geprägten Theatererlebenswelt des Publikums.

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