Gesundheit

Diktatur der Gesundheit

Hierzulande schiebt man im Aussprechen von Glückwünschen zu Ereignissen wie Neujahr oder Geburtstag gern den Satz nach: „Gesund bleiben, das ist das Wichtigste!“, eine Redewendung, die sich in diesen Tagen aus ihrer Verpuppung als Floskel geschält hat und zum alles überstrahlenden Leitprinzip aufgestiegen ist. Alles Leben richtet sich danach aus. Es gilt, die eigene Gesundheit zu schützen und zu erhalten.

Dabei sind neben empfindlichen Einschränkungen unserer Grundrechte, wie wir sie in Ausgangsbeschränkungen, im „Social Distancing“, in der wechselseitigen Verdächtigung, wenn man selbst unter gewahrtem Sicherheitsabstand jemanden kurz einmal husten hört, erleben, auch Regeln außer Kraft gesetzt worden, vorrangig die: in einer sich in Sachen Informationen alles teilenden Öffentlichkeit blieb zumeist noch gewahrt, dass nicht alle wussten, wenn jemand erkrankt war, woran genau diese Person leidet.

Das Coronavirus nimmt uns diese Intimität. Ob der ewige britische Thronfolger, der Heldentenor von einst, der TV-Showmoderator, der Profi-Fußballer, es sind nicht nur jene, die ihr Leben ohnedies schon sehr komplett in der Öffentlichkeit darstellen. Auch beliebige Bürgerinnen und Bürger enttarnen ihren Infektionsstatus, wenden sich an die Öffentlichkeit, um über missliebige Erfahrungen mit dem Testsystem zu informieren oder machen via Skype aus der Quarantäne ihren Unmut darüber laut, weil sich in social-media-Kanälen shitstorms gegen sie, „die Infizierenden“, richten (da setzt eine spiralförmige Bewegung ein, denn diese Unmutsäußerung befeuert die aggressive Empörung des Mobs).

Dann melden sich auch Betroffene aus Gemeinden, die mahnen wollen, die mehr Ernsthaftigkeit im Umsetzen der von der Regierung getroffenen Maßnahmen fordern, weil sie in der Intensivstation die Auswirkung der Krankheit in lebensbedrohender Strenge erleben mussten, weil sie im Kreis ihrer eigenen Familie das Leiden mitbekommen.

Die Erkrankung jedes Einzelnen wird so zur res publica. Wir erleben die Austrocknung einer letzten Oase Privatheit. Wir erleben zugleich die Stigmatisierung von Menschen, die – ob nun im Status von Prominenz oder auch nicht – sich bekennen und in der Pandemie zu jenen werden, von denen man weiß, dass sie infiziert worden sind und sehr wahrscheinlich auch infiziert haben. Die statistische Begleitung der Epidemie wies bislang Infektionszahlen lediglich für Bezirke aus. Nun gibt es auch Zahlen pro Gemeinde und Bürgermeister begehren darüber hinaus auch die Kenntnis von Namen der Betroffenen. Sie sagen, man wolle helfen können, beobachten, wie sich die Krankheit entwickelt. In Gemeinden dörflicher Prägung und mit überschaubarer Einwohnerzahl sind allerdings Ausgrenzungen und daraus resultierend handfeste Konflikte (möglicherweise auf längere Dauer) wahrscheinlicher.

Die Re-Regulierung eines Lebens in Freiheit und Demokratie nach der Pandemie bzw. Krise muss am noch unbestimmten Tag eins danach auch die Diktatur des veröffentlichten Gesundheitsstatus ein- und die Diskretion über das exakte Krankheitsbild einer Bürgerin bzw. eines Bürgers wiederherstellen.

Eine Dystopie in die andere Richtung liegt jener Geschichte zugrunde, die Juli Zeh im Roman „Corpus Delicti: Ein Prozess“ (2009 erschienen) erzählt. Zur Frage einer überhaupt möglichen Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit stellte schon vor Jahren der in Amerika geborene, heute britische Philosoph Raymond Geuss Überlegungen an. Beide Bücher sind Lese-Empfehlungen, nicht nur für die Zeit des „lock downs“, sondern immer und überhaupt.

 

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