Klima

Etikettenschwindelgefühl

Linz will nun Klimahauptstadt werden. Die Landeshauptstadt von Oberösterreich zieht es zu derlei Auszeichnungen wie die Motten zum Licht. Linz war schon Kulturhauptstadt, Linz brüstete sich als UNESCO City of Media Arts. Im Juni 2018 wollte Linz gar „das nächste Berlin“ werden. Der Bürgermeister liebt es, solche Ziele zu definieren und damit Latten zu legen, die die Stadtpolitik in ihrer ungeschickten Art nicht einmal durch Sprung reißt, sondern nur unterlaufen kann.

Vor zehn Jahren hieß das kostenintensive Wagnis Kulturhauptstadt (an die 70 Millionen Euro sollen in Programm und Projekte geflossen sein!). Das Programm war nett, seine Nachhaltigkeit sehr bescheiden. Aber die Etikette an die Stadt und sich selbst geklebt zu haben, salbt die Seelen der Stadtpolitiker mit einem ganz besonderen Balsam, nämlich dem, sich dadurch einer „Stadtentwicklung“ versichert zu haben. Eine wahre würde freilich anders aussehen.

Jetzt also Klima. Ist ja gerade in. Mehr Bäume will die Stadt pflanzen. Ende Juni 2019 zeigt sich die Linzer Politik der wissenschaftlichen Simulation (EU-Projekt „Clarity“), dass mit dem Pflanzen von nur neun Bäumen auf dem Linzer Hauptplatz Strahlungstemperatur im Schatten um bis zu zwölf Grad verringert werden könnte, abgeneigt. Dass nun fünf Monate später alles anders ist, stimmt zuversichtlich. Ist Kommunalpolitik doch lernfähig?

Dazu zählt auch der vor kurzem verlautbarte Plan, mehr für den innerstädtischen öffentlichen Verkehr entwickeln zu wollen, zwei neue Buslinien sollen Abhilfe schaffen. Eine künftige Linie 14 soll Hafen und Ebelsberg verbinden, jene Nord-Süd-Route also, für die die Linzer Stadtführung vor einem Jahr noch von einer teuren Seilbahn (Kostenpunkt 283 Millionen Euro) über der Stadt geträumt hat. Diese sogenannte Schnellbus-Verbindung soll über eine bisher in beide Richtungen zweispurige Umfahrungsstraße geführt werden, die als eine der Stau-Hotspots der Stadt gilt. Ohne eigene Busspur wird der Bus nicht mehr sein als ein weiteres großes Fahrzeug, das auf der Umfahrung Ebelsberg Tag für Tag im Stau steht.

Linz will als Klimahauptstadt den gesamten Magistratsfuhrpark auf Elektromobilität umrüsten. Klingt rühmlich, hat allerdings den Haken der ungeklärten ökologischen Bilanz der E-Fahrzeuge. Den Kostenfaktor blenden die Verantwortlichen einer tief verschuldeten Stadt vorsorglich ohnedies aus. Die Ansage steht. Umsetzung? Nehmen wir nicht so genau. Hauptsache, das affichierte Attribut stimmt. Macht Stimmung. Taugt als Etikette. Kippt rasch zum Etikettenschwindel. Das Schwindelgefühl äußert sich in der doppelten Bedeutung des Worts „Schwindel“: einerseits jener Taumel, in den man bei Verlust von Orientierung gerät, andererseits Betrug.

Meine Geburtsstadt wird allein auf Grund des täglich näher rückenden Verkehrskollapses zum ökologischen Intensivpatienten. Sie hat sich eine wahrhaft andere Behandlung verdient als jene, mit der die herrschende Stadtpolitik gegenwärtig an ihr herumdoktert.

Foto: Gelbes Haus „Bellevue“ als offener Begegnungsort auf einer Autobahneinhausung, leider nicht mehr existentes Projekt aus dem Kulturhauptstadtjahr Linz 2009 – Fotograf: Thyes/Wikimedia Commons Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

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