Politik

Mein Mauerfall

In der Nacht auf 10. November 1989 geschah in Berlin am Symbol der Mauer und ihres Falls die Neuordnung Europas. Menschen, viel zu viele Menschen auf den schmalen Kronen der einheitlich gegossenen Betonblöcke, auch Bilder von Grenzstationen, die einfach passiert werden konnten: ich war 22 Jahre alt und bewegte mich zwischen Studium in Wien und meiner Tätigkeit als freiberuflicher Kulturjournalist in Linz und Oberösterreich. An diesem Tag kam ich zudem nach Hause, weil meine Mutter am 10. November Geburtstag hat. Im elterlichen Wohnzimmer zeigte das im Wandschrank eingepasste Fernsehgerät Bilder aus Berlin. Wir spürten Geschichte, das Ende der Nachkriegsdialektik in der europäischen Ordnung: hier der Westen, dort der Osten. Demokratie und Diktatur, Licht und Schatten, Kapitalismus und Kommunismus. Dass in den Monaten zuvor schon Flüchtlingsströme den Weg in den Westen suchten, beispielsweise über Ungarn, war in einer Zeit noch ohne Internet und Smartphone mittels Radio als schnellstes Medium durchgedrungen. Es stillte unsere Informationsbedürfnisse unmittelbar und ganz ausgezeichnet.

Zum Mauerfall gehört für mich eine Geschichte, die meine Familie erlebte und die auf dieses weltgeschichtliche Ereignis zuläuft. Sie begann 1975 mit einem Familienurlaub in Bulgarien, meiner ersten Flugreise, was für eine Aufregung für einen Achtjährigen! An den Sandstränden des Schwarzen Meers zu entspannen, war ein angesagtes Urlaubsziel in den Mittsiebzigern. Im kommunistischen Bulgarien mit interessanter Versorgungslogistik für den alltäglichen Bedarf – an einem Tag gab es nur Tomaten, am anderen nur Kaffee, am dritten nur Limonade usw. – traf man als Urlaubsgäste auch Bürger aus der DDR. Meine Eltern lernten eine Familie aus Ostberlin kennen, die Teenagertochter übte sich sehr freundlich in der Sandspielanimation von meiner jüngeren Schwester und mir. Meine Eltern schlossen mit dem Paar Freundschaft und hielten diese über lange Jahre hinweg durch Briefkontakt aufrecht. Natürlich waren Schreiben, die aus Ostberlin eingetroffen sind, aufgedampft, teilweise auch geschwärzt worden. Der DDR-Kontrollapparat arbeitete zuverlässig. Dennoch schrieb man sich. Nach dem Mauerfall sollte es zur Wiederbegegnung kommen, doch genau mit diesem riss der jahrelange Kontakt ab.

Zu meinem Mauerfall gehört auch eine kleine Geschichte, die sich en passant während einer Projektwoche zugetragen hat, die mich mit Schülerinnen im Jahr 2010 nach Berlin gebracht hatte. Wir besichtigten den Checkpoint Charlie, zu diesem Zeitpunkt ein Foto-Hotspot. Man konnte sich dort entweder mit amerikanischer oder russischer Militärmütze fotografieren, während im benachbarten Mauermuseum Betonbrösel mit Echtheitszertifikat als Nachweis, dass diese tatsächlich aus der Mauer stammten, zu stolzen Preisen verkauft wurden. Ich stand mit einer Gruppe Schülerinnen da, als ein Passant stehen blieb und uns aus seinem Leben zu erzählen begann, konkret von einem Kinobesuch in einer der Nächte nach dem 13. August 1961, in der der DDR-Apparat die Betonsegmente wie ein riesiges geschlossenes Domino in Position brachte. Der Mann berichtete uns von der Panik, die ihn befiel, als er aus dem Kino (Ostseite) kam und erkannte, dass er um sein im Westen situiertes Leben einer in diesen Nachtstunden rasch wachsenden Mauer entlang laufen musste, um noch auf jene (West)Seite zu gelangen, wo Frau und Kinder in der Wohnung auf ihn warteten. Es gelang ihm.

Es sollte etwas mehr als 28 Jahre dauern, bis der Domino-Effekt der politischen Öffnung in Europa das Steinspiel der SED in Kettenreaktion zuerst sinnbildlich und erst langsam danach auch tatsächlich im städtischen Raum zum Umstürzen brachte.

Foto: Schwedter Straße an der Berliner Mauer, Sicht zur Gleimstraße, 10. März 1990 – Fotograf: Gerd Danigel/Wikimedia Commons Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

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