Film

Große Geschäfte

Der russische Oligarch Igor entdeckt seine Liebe zu Wien. Wie es sich für einen seines Schlags gehört, lockt er mit den Pheromonen seiner 500-Euronoten-Päckchen einen ganz interessanten Menschen-Zoo an. Dieser beginnt sich eifrig zu tummeln, als der Herr Oligarch eine mondäne Privatvilla auf der Schwedenbrücke wünscht. Und eine österreichische Staatsbürgerschaft dazu. Auch wenn diese extra kostet.

Nadja (Margarita Breitkreiz), eigentlich nur seine Dolmetscherin, als solche „Mädchen für alles“ fungiert als Igors langer Arm, unterstützt wird sie vom Kindermädchen ihres frühpubertierenden Nachwuchses, der Künstlerin Teresa (Sabrina Reiter). Der Immobilienhai Klaus (Georg Friedrich) bekommt gegen Unterschrift auf Serviette seinen Aluminiumkoffer Schmiergeld. Seine Ehefrau Vera (Darya Nosik), die er kennen lernte, „wo Österreicher Russinnen am liebsten haben, im Internet“, betrügt er mit jeder, in deren auch nur ein wenig geöffneten Blusenausschnitt seine Augen fallen können.

Wir sind erst in der ersten Ebene des Korruptionskettenspiels, das die in Österreich lebende, aus Russland gebürtige Regisseurin Elena Tikhonova, gemeinsam mit Robert Buchschwenter auch für das köstliche Drehbuch der Komödie verantwortlich, als ihr Spielfilmdebüt bereits im Herbst 2016 drehte. „Kaviar“ reüssierte beim Max-Ophüls-Filmfestival 2019 und bekam den Publikumspreis Spielfilm. Der Filmstart in Österreich ereignete sich just vier Wochen, nachdem die Satire von der Realität ein-, vielleicht sogar ein wenig überholt worden ist. Was die Produzenten von „Kaviar“ am Abend des 17. Mai („Premiere“ des berühmten Ibiza-Videos) dachten und/oder feierten, wissen wir nicht. Es muss sich schon ein wenig so angefühlt haben, als gewänne man gerade einen Lottosechser, wenn die aktuellen innenpolitischen Ereignisse deinem wortwitzig geschriebenen und von allen famos gespielten Film einen boost gibt, den du mit keinerlei üblichem Marketing-Mix inszenieren könntest.

Denn Stadtrat Hans Czech (Joseph Lorenz), nicht amtsführend, mit Russisch-Kenntnissen übers Maß an Höflichkeitsformeln hinaus, will als Gegenleistung zur Villa die Sanierung des Donaukanals in Wien. „Unser Kanal für unsere Leut´!“ posaunt er bei der Projektpräsentation hinaus. Der russische Oligarch bleibt gewieft und versteht sich darauf, für den österreichischen Dilettantismus in großen Geschäften Rache zu nehmen.

Ob diese – im Film als Klammer der Erzählung gesetzt – Fiktion der Komödie bleibt oder ein Pendant in einer Wirklichkeit hat, die hierzulande Umspringbild zur Satire geworden ist, bleibt offen. Vorerst. Vorstellbar ist im Frühsommer 2019 in Österreich alles. Eigentlich fehlt nur noch ein weiterer Videobeweis.

Szenenfoto: Russisch-österreichische Geschäftsfreundschaft, besiegelt durch eine Schmiergeldkofferübergabe – von links Igor (Mikhail Evlanov), Nadja (Margarita Breitkreiz), Klaus (Georg Friedrich) – © 2019 Thimfilm/EclairPlay

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