Politik

Gesagt heißt nicht immer richtig gehört, gehört heißt nicht immer richtig verstanden

Wir haben zusätzlich zu vielen schon klar sichtbaren weitere nicht zu unterschätzende Probleme mit der österreichischen Bundesregierung. Seit vorgestern mit Nachdruck zum Beispiel dieses: die handelnden Personen verstehen die Landessprache nicht.

Was ist geschehen? Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier sprach aus Anlass des Festakts gegen Gewalt und Rassismus im Zeremoniensaal der Hofburg in Wien. Dabei sagte er wörtlich dies:

Meine Damen und Herren, Sie haben diese Geschichten gehört, die von den jungen Menschen gesammelt wurden. Und sicher haben Sie sich gedacht, hätten diese armen Menschen damals doch nur fliehen können. Aber Sie wissen doch, es hat auch damals schon Menschen gegeben, auf der ganzen Welt, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben. (Quelle: www.neuwal.com, Transkript von Dieter Ziernig, 5.5.2018)

Es brauchte gut 24 Stunden, bis von Seiten der regierenden neuen Volkspartei über ihren Generalsekretär, wohl durch seine geschlossenen Zahnreihen hindurch geknurrt (der Mann bringt beim Sprechen den Mund nicht auf!), diese Replik veröffentlicht worden ist:

Der Vergleich der Balkanrouten-Schließung mit der Judenverfolgung ist entschieden zurückzuweisen (…) Ich respektiere die freie Meinungsäußerung und die Ansichten von Herrn Köhlmeier, die ihm unbenommen sind. Aber es ist mir äußerst wichtig klar zu stellen – auch im Sinne eines würdevollen Gedenkens – dass eine Gleichstellung der Politik gegen illegale Migration mit der Ermordung von sechs Millionen Juden völlig inakzeptabel ist. (APA vom 5.5.2018, zit. nach http://www.nachrichten.at, 6.5.2018)

Wo hörte Karl Nehammer das Argument der Gleichstellung? Ich höre/lese Kritik am Sich-damit-Brüsten, Fluchtrouten geschlossen zu haben. Jetzt wissen wir spätestens seit Konrad Lorenz und Paul Watzlawick, dass das mit dem Senden, Empfangen, Sagen und Verstehen halt so eine Sache ist, doch die Eindeutigkeit und Genauigkeit des Formulierens von Michael Köhlmeier schließt zu 99,9 Prozent ein Missverstehen aus; es sei denn, man sucht dieses bewusst.

Die Freiheitliche Partei, deren unerträgliche „Einzelfall“-Serie von Kokettieren mit nationalsozialistischen Codes und antisemitischen Umtrieben Köhlmeier ansprach, antwortete sehr spontan nach bekanntem Muster aus dem parteieigenen rhetorischen Werkzeugkasten, der Umkehrung, gefolgt von einem beleidigten Rückzug in die Schmollecke und der Drohgebärde einer Staatskrise:

Dass er dabei die Ungeheuerlichkeit des Holocaust verharmlost und gleichzeitig eine Million österreichische Wählerinnen und Wähler pauschal verunglimpft, ist ein entbehrlicher Beitrag zur weiteren Spaltung der Gesellschaft in Österreich, die er selbst kritisiert. (OTS0156/APA vom 4.5.2018)

Da werden sich 1,316.442 Wähler, die am 15. Oktober 2017 beim dritten Lager ihr Kreuz gesetzt haben, aber freuen, dass die Partei, die sie gewählt haben, sie (streng genommen eine Million, 316.442 sind gemäß OTS ausgenommen worden) samt und sonders – einige werden gewiss darunter sein, aber alle? – als dem nationalsozialistischen Ideengut und dem Antisemitismus zugeneigt definiert.

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