Theater

Hoffnungslos ist so ein Platz für Liebe

Wir verließen die Kammerspiele des Landestheaters Linz (Oberösterreich) nach der Premiere. In der Linzer Dunkelheit begrüßte uns ein Knallen. Die akustische Quelle musste wohl das Feuerwerk der letzten Nacht des Jahrmarkts sein. So fühlte sich der eben erlebte Theaterabend an, eine Neudeutung von Molières „Der Menschenfeind“; als ginge man nun weiter zu einem Glas Sekt, in ein Silvester, Prosit, Jahreswechsel, Theaterbesuch davor, dafür taugt diese Produktion.

Eigentlich aber setzte das Landestheater Linz damit eine doch sehr frühzeitige Eröffnung der diesjährigen Sommertheatersaison, heitere Unbefangenheit mit dramaturgischer Lösungsproblematik, ich komme auf diese zurück. Und: Auch würden die zwei Stunden Amüsement mit dem Spiel, wer darf wen lieben, wie buhlt man darum, im Tausch von Geschlechterstereotypien (mit einer gewissen Bilddominanz von Männern in Strumpfhosen) auch dem Pride-Monat Juni ein Vergnügen bereiten. Am Landestheater Linz wird sich das nicht einlösen lassen, mit Ende Mai geht der Schauspielhauskomplex an der Promenade in seinen nächsten Baustellensommer.

Aber nun ganz vom Anfang an: Diese Inszenierung inspiriert sich aus der Idee, das Liebeswerben des 17. Jahrhunderts, „gescriptet von Molière“, in die Gegenwart von Datingshows zu heben. „We found love in a hopeless place“, nutzt man in Zuspielung den Rihanna/Calvin Harris-Song. Hoffnungsloser als das, was in Fernsehshows über Liebe inszeniert wird, zeigt sich die Verbindung Liebender wohl wirklich nirgends. Gute Idee! (Ich habe nichts von diesen Shows jemals gesehen, kann mir das mit der „Rose“ als Zeichen der Auswahl zwar erklären und entschlage mich aber einer Einordnung, ob die Parodie in der Inszenierung gelungen ist, eben mangels Kenntnis der Showoriginale.) Ich frage nur, ob diese Idee hält. Für die gesamte Geschichte?

Célimène ist die Begehrte, umringt von Liebeswerbern, darunter Alceste, der Menschenfeind, „ich bin der Fehler im System“, ich bin „die Differenz“, sagt er über sich. Ehrlichkeit zählt mehr als Verstellung. Versschmiedekunst der Liebesgeständnisse bildet das Mittel, sich zu messen. Der Dichterstreit eskaliert. Mich Beatles-Fan schmerzt tief, dass „Love Me Do“ den Zankapfel abgeben muss, in den gebissen werden will. Das Duell in Folge entpuppt sich ebenso als gescriptete Unterhaltung, für Quote, nichts wirklich dahinter. Wenn es Regisseurin Anna Marboe auf Basis der Überschreibung Molières von Anita Augustin darum geht, diese Leere von Reality-Shows jeglicher Art nun auch auf der Bühne auszulegen, so gelingt das. Auf rosa Kunstteppichboden (Bühne: Sophia Profanter), mit den Herren in Hosen und Blusen, in den gezeichneten Entwürfen wohl schon mit gelbgrüner Textmarkerfarbe ausgemalt. Die Damen, Éliante und Arsinoé, in einem Businesslook mit ebenso höfischen Akzenten, sie sind die Produktionsassistentinnen der Show-CEO Célimène. Ihr Rock, eine Kreolisierung in Grau zwischen 17. Jahrhundert und Cowgirl, ist große fashion im Kostümbild (von Helene Payrhuber) der Produktion. Augenschmaus also ja, Ohrenschmaus in weitgehend gebundener Sprache ebenso: In den musikalischen Einsprengseln des Abends veredeln Alcestes Solo am Klavier mit vielsprachigem Liebesschwur und Musiker Clemens Sainitzer vor der Bühne mit seiner Cellobegleitung das Spiel.

Bis das Ganze ans eigentliche Problem stößt: Wir erleben Figuren, in ihren Visionen eines Liebesideals gefangen, Typen allesamt, aus dem Ensemble des Landestheaters sind sie großartig zu besetzen. Die gut bekannten und vom Publikum geliebten Kräfte bringen, was wir von ihnen kennen und erwarten dürfen: Katharina Hofmann als Célimène, Markus Ransmayr als Alceste, Jan Nikolaus Cerha als sein Freund Philinte, Horst Heiss als Oronte, Cecilia Pérez als Arsinoé sind hier besonders hervorzuheben. Zum Schluss stehen die Figuren an. Der Abend nimmt zu guter Letzt einen Kurs in eine Irrfahrt, denn die Umdeutung von Molière findet kein Ende aus sich, es braucht mehrere Anläufe, zum schlussendlichen Blackout zu kommen. Das rasante Medley durch bekannte Love-Song-Schnulzen wäre meiner Meinung nach schon Punkt genug gewesen.

Foto von Philip Brunnader: Jan Nikolaus Cerha und Markus Ransmayr in „Der Menschenfeind“ – mit freundlicher Genehmigung des Landestheaters Linz

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