Der Vorabend zum österreichischen Nationalfeiertag regt an, wieder einmal die Seele von uns älplerischem Volk zu analysieren. Immerhin: Sigmund Freud ordinierte lange Jahre in Wien. Den Wegbereitern dessen, was er als Begriff in den Fach- und Geschichtsbüchern mit seinem Namen verschmolz, nämlich Psychoanalyse, kam ein Schicksal als quasi Wasserträger zu. Sie müssen aushalten, dass ihre Vorarbeiten verdienstvoll waren, die Nachwelt in Verteilung ihres Rühmens sie allerdings in den toten Winkel der Unsichtbarkeit stellt.
Diese Ungerechtigkeit kompensieren meine Landsleute in ihrer Verpflichtung zu Psychoanalyse als breitenwirksames Brauchtum. Hierzulande leuchtet jede und jeder gern die Finsternis seltsamen Verhaltens anderer mit dem Licht eigener kluger Erkenntnisse aus. Denn was uns ans Gemüt geht (und das ist jeden Tag genug), will ausgedeutet werden. Uns liegt in Blut und Genen, alles Seelische aufzublättern. Wir nehmen es auseinander, das stimmt uns friedlich und hebt zugleich unsere Laune.
Das Seelenklempnern zählt also zu den hohen Begabungen hierzulande. Wäre es ein Handwerk (so wie es ja heißt, obwohl wir in Österreich statt Klempner den vornehmer klingenden Begriff des Installateurs bevorzugen) und würde es darin ähnlich den World- oder Euroskills Bewerbe geben, internationale, Europa-, Weltmeisterschaften, die Österreicherin oder der Österreicher würde regelmäßig alles an glänzenden Edelmetallen im Sport des Sezierens von Seelen abräumen, gestern, heute, morgen, übermorgen, in alle Ewigkeit. So sind wir.
Ich werfe darum heute ein neues Phänomen auf die Couch. Eine kollektive Psychose entwickelte sich, seit die kleine finanzielle Belastung von Einwegverpackungen aus PET und Aluminium, auf Flaschen und Dosen im 25-Cent-pro-Stück-Bereich, also Pfand, in die Kreislaufwirtschaft eingriff. Gewachsen in nun nahezu zwei ganzen Jahren entwickelte sich diese Psychose, die sich darin zeigt, dass auf Parkplätzen an Supermärkten Menschen aus Innenräumen von SUVs mehrere großformatige Müllsäcke in Grau oder Schwarz ausfädeln, um pro Hand mit drei bis vier von diesen, prall mit entleerten Dosen und PET-Flaschen gefüllt, zum Ort der Geldwerdung dieses Rohstoffschatzes zu pilgern.
In der Regel gibt es an so einem Markt, separiert in einem Raum, der von außerhalb des Geschäfts betreten werden kann (man hält sich damit das raumgreifende Volumen der Säcke-Träger aus den Gängen zwischen Regalen), zwei Automaten, die von diesen Jüngern (es sind nur Männer!) der Materialien Plastik und Aluminium belagernd angebetet und befüttert werden, und zwar bis die Maschine wegen Überlastung in den Modus „Personal kommt gleich“ geht, Dauerpiepsen inklusive. Dieses Tönen signalisiert dann geduldigen und duldenden Menschen aus einer beständig wachsenden Reihe von Wartenden mit haushaltsüblichen Rückgabemengen ihre vergebene Mühe. Das vorsichtige Bitten, einfach einmal nur kurz für eine, wirklich nur eine Abgabe gar oder zwei bis maximal fünf Einwürfe vorgelassen zu werden, blieb unerhört. Mit dem Tinnitus der Maschine in den Ohren all jener, die zur Darbringung ihrer unterschiedlich umfangreichen Opfergaben an dieser zusammengekommen sind, zerstreut sich das Volk vom ungleich bedienten Hochamt der Pfandretouren.
Irgendwann (das dauert meist!) wird sich ein Mensch aus dem Supermarktteam der Stressbelastung der Maschine annehmen, eine therapeutische Maßnahme für diese von nur kurzer Wirkung. Der geschilderte Ablauf darf sich sodann wiederholen. Fallstudien dazu kann jede und jeder im ganzen Land beobachten, ab übermorgen Dienstag dann wieder.
Foto: Openverse/Free Photo Library
Kategorien:Satire
