Vor zwei Jahren befreite der damals neu angetretene Schauspieldirektor David Bösch am Landestheater Linz (Oberösterreich) die Sparte aus der Erstarrung auf der Bühne. Seinem Vorgänger war das Auftreten, dann Stehen, dann Aufsagen von Text, darin Agitprop aus der eigenen Sozialisation fürs Inszenieren Herzensanliegen. An den Shakespeare-Produktionen in Regie der Schauspieldirektoren kann man diesen Wandel nachzeichnen: „Julius Caesar“ kam als Agitprop-Version zum Einschlafen im Oktober 2023 daher, dann erfolgte der Stilwechsel mit „Viel Lärm um nichts“ (September 2024) begleitet auch mit einem Theaterfest zum Thema Liebe.
Nun also nahm sich Bösch „Romeo und Julia“ vor, in das Veroneser Liebestreiben untermischen sich Linzer Liebesgrüße. Der Brief, bedeutendes dramaturgisches Mittel in vielen Stücken, stellt ja in „Romeo und Julia“ so einiges an; die Bevölkerung in Linz und Oberösterreich war darum gebeten, dem Theater Liebesbriefe zu übermitteln. Einige davon kommen nun in wenigen Sätzen in der Inszenierung vor. Was taugt das wirklich? Außer für die Ausstellung der Zuschriften im Foyer und bunten Haftnotizen für die rasche schwärmerische Zeile (solche gab es beim Theaterfest vor zwei Jahren auch!) oder außer für eine Erweiterung der Liebeserklärung, die der Schauspieldirektor seit zwei Jahren der Stadt Linz wiederholt macht (auch als Autor von Stücken zu Fußball und Linzer Torte) erkenne ich im partizipativen Aufwand nicht wirklich Nutzen für Stück und Inszenierung. Eher wirken die in den großen Klassiker von William Shakespeare eingebrachten Zitate als (ich bedaure für alle, die sie schrieben, die nachfolgende Einordnung) Störung. In Linz spielt man zudem erfreulicherweise die kraftvolle Übertragung der Tragödie ins Deutsch durch Thomas Brasch.
Das Lokalkolorit Linz in der in Verona spielenden Geschichte flattert nicht nur durch unsichtbare Brieftauben in die Inszenierung. Anspielungen auf den Aufführungsort (als vermeintliches Extemporieren) liefern den Familienmitgliedern der Capulets und Montagues Gag-Garantie, Bösch liest sie als Abgesandte aus verfeindeten Gangs. Baz Luhrmann, wohl Ideenspender, hat 1996 damit in seiner großartigen Verfilmung (mit Leonardo DiCaprio als Romeo) gepunktet, eine visuelle Oper aus dem Stoff gemacht. Das ist „Romeo und Julia“ in Linz nicht geworden. Der Raum (Volker Hintermeier) ist eine karge Arena, ein Rahmen aus Stahlprofilen, in der Mitte kann Julias Balkon wie eine Aufzugskabine auf- und abfahren, der Wasser-„Graben“ um diese ist Schutz in Miniatur und gibt Schritten, Tritten hinein mit dem Spritzwasser optischen Effekt. Leichen liegen auch attraktiver im Nass, denn verwaschenes Theaterblut spendet optisch einen besonderen Anstrich von Grausamkeit.
Eine solche wohnt der Geschichte ja inne: Zwei verfeindete Familien, deren Kinder sich verlieben; eine Liebe, die aus politischen Gründen nicht sein darf, die Verehelichung erfolgt heimlich. Die Szene der Eskalation zählt zu den besten des Abends, als Mercutio gegen Tybalt den Degen schwingt (große Anerkennung für die bravourös gespielten Choreographien an alle Herren, die im Ensemble die Stichwaffen führen!), die Stoppmomente, schon an tödlich werden könnenden Stellen, geben den Takt. Das Spiel offenbart die Lächerlichkeit jedes Kriegs, jedes Kämpfens, auch wenn der Sturz in die bittere Wahrheit von Töten und Endlichkeit durch Sterben ganz rasch präsent wird. Hier sind wir in den Minuten von Sternstunde der Inszenierung: Benedikt Steiner (Mercutio), Julian Sigl (Tybalt) und Jan Nikolaus Cerha (Benvolio) fechten sich vom Spaß in den Hass. Nach Mercutios Tod besiegelt Romeos Racheakt (Lukas Spinka mit seinem Debüt am Haus überzeugt mich sonst leider nicht) an Tybalt das Unlösbare des Familienkonflikts. Dann teilt die Pause die zweieinhalb Stunden des Theaterabends.
Danach bleiben Uneindeutigkeiten und ich vermeine, fehlende Probezeit zu erkennen. Teil zwei wirkt wie eine rasch durchgezogene Stellprobe. Unklar bleibt etwa, warum Vater Capulet (Sebastian Hufschmidt) dann so den Familienpatriarch heraushängen lassen muss, weil er Julia (Gemma Vannuzzi, weit unter ihrem spielerischen Talent gefordert) an Paris vermählen möchte. Unklar bleibt, warum Julia, vom großartigen Horst Heiss als Pater Lorenzo mit der bekannten Substanz versorgt, so durch den Monolog des Zweifelns eilt, ob sie trinkt oder nicht. Wie überhaupt das bekannte Gift-auf-Zeit-Romeo-findet-Julia-nimmt-Gift-und-stirbt-wirklich-Julia-erwacht-findet-Romeo-tot-und-tötet-sich-Ende in Rasanz abgefertigt wird.
Gegenwärtig neigt Bösch gerne zur Auflösung von Tragödienenden mit der Aufhebung der Theaterillusion, auch bei „Romeo und Julia“ passiert das. Zeichen und Wunder, so lautet in dieser Saison das Motto am Landestheater Linz: Ich hoffe stark auf eine breitere Auslegung in folgenden Inszenierungen als der, dass die Toten auferstehen und sich in den Armen liegen, als Sieg der Liebe. Das ist zwar nett versöhnlich, wirkt aber maximal nur bis zum Verklingen des Applauses. Theater als Unterhaltung mit happy-end-Garantie? Theater ist mehr, Theater kann mehr.
Szenenfoto von Philip Brunnader: Julia (Gemma Vannuzzi), im Hintergrund „Todesengel“ Mercutio (Benedikt Steiner) – mit freundlicher Genehmigung des Landestheaters Linz
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