Jammern gilt als Sprache der Kaufleute, niemals als jene des Lehrers und Schulleiters. Herbstferien! Nach nur sechs Unterrichtswochen im gerade erst gestarteten Schuljahr fügt man sich in die Bedingungen dieser frühen Zäsur, sie ist ja vorrangig tourismuswirtschaftlich motiviert.
Ich warf mir also zum Sommerferienende einen Anker der Belohnung voraus und ging nach Dienstschluss am Freitag der vergangenen Woche vom Schulstandort in Linz (Oberösterreich) direkt zum Bahnhof. Ich fuhr nach Wien. Ich gönnte mir für 24 Stunden ein Eintauchen in die Welt einer in meinem kulturwissenschaftlichen Forschen und Arbeiten besonders bevorzugten Epoche, das Wien der Jahrhundertwende um 1900 und der frühen regen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts bis zum Anschluss 1938.
Den eigentlichen Impuls für den Kulturkurzurlaub gab mir die Eröffnungspremiere der neuen Direktion im Theater in der Josefstadt, für die man mit Verve Arthur Schnitzlers „Komödie der Verführung“ in eine multimediale szenische Mischung umformte. Bearbeiterin und Regisseurin Ildikó Gáspár erzählt mit einem famos agierenden und singenden Ensemble (denn der Transfer verwendet auch Musik und Arien aus der Operette „Die Czárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán, großartiger Kunstgriff!) das Feiern vor Beginn des Ersten Weltkriegs mit den Mitteln der gegenwärtigen Selbstinszenierung: Alles ist Posing, Glamour, Blick in Kameras, Film(chen), fame und doch immer Theater. Dieses wird zur Gänze Bühne, denn wenn die Live-Kamera in Foyers oder Logen auf Szene, im Hintergrund die Projektion auf die Bühne, hält, wachsen daraus Blickachsen zu langen Spiegelkabinetten sich ins Unendliche dehnender Raumtiefen. Darin finden und verlieren sich Flirt, amouröse Anbahnungen in einer Gesellschaft, die sich zu lieben versucht und der Zweisamkeit nicht mehr vertraut; alle laufen ihren Sehnsüchten hinterher, am Rand des Sturzes ins Weltkriegschaos.
Ich wusste, als ich Anfang September die großteils abschätzigen Kritiken jener las, die sich in Wien professionell Theaterpremieren zu Gemüte führen, weil das Schreiben darüber einen Teil ihres Brotberufs ausmacht, dass hier nicht verstanden wurde (oder werden wollte), was in der Josefstadt als Statement gesetzt wird. Hier verändert sich eine Wahrnehmung, wird die Schublade für „die Josefstadt“ neu lackiert. Frischer Wind bläst durch das Haus, auch so, dass (angestammtes Abonnement-)Publikum der Vorstellung vom Freitagabend des 23. Oktober nach der Pause von seinen Stühlen verweht erscheint: Intendantin Marie Rötzer hält zum und am Schauspieler(innen)-Theater fest, Wesenszug der Adresse im achten Bezirk, und zieht in ihrer Führungsverantwortung das Haus nun zu neuer Bestimmung in der Wiener Theaterszene, mit Produktionen, die in mir auslösen, was mir in den vergangenen Jahren im Theater immer öfters gefehlt hat, nämlich dass ich „hingehen muss“. Insofern war ich (Schnitzler-affin aus dem Studium heraus und weiterhin) sehr gerne Gast, hoch erfreuter Zuschauer und ich werde öfters wiederkommen, dank Sogmomente des Spielplans auf mich.
Tags darauf besuchte ich endlich das Sigmund-Freud-Museum am Wohn- und Wirkungsort im neunten Bezirk, Berggasse 19. Seit Jahren steht dieses Vorhaben auf meiner bucket list. Die 2020 erfolgte Neukonzeption zu Pandemiezeiten, 2023 mit einem Museumspreis gewürdigt, lässt einen die Wohnung (Eingangs links) und die Praxis (Eingang rechts), in der eigentlich dominanten Leere der Räume (ausgenommen das Wartezimmer) als ein Fühlen von Geschichte erleben. 47 Jahre verbrachte Familie Freud hier. Die in einer Dokumentation aufgearbeiteten Umstände des Verlassens geben akribisch und schauderlich Einblick in den nationalsozialistischen Vollzugsapparat.
Alles Mobiliar, alles Hab und Gut nahmen die Freuds auf ihrer Emigration von Wien über Paris nach London mit. Es ist dem Mut des jüdischen Fotografen Edmund Engelman zu verdanken, der in den schwierigen Zeiten von 1938 unter Lebensgefahr die noch nicht geräumte Wohnung fotografisch dokumentierte. Seine Fotos inspirieren nun, exzellent in den Zimmern positioniert, das Entstehen des Ambientes im Kopf des Besuchers. Erklärungen zur Raumnutzung sowie wenige Vitrinen mit Erinnerungsstücken bedienen mit Sparsamkeit die Atmosphäre, um zu erfassen, was hier von geschichtlicher Bedeutung geschehen ist, in Entwicklung der Psychoanalyse und mit dem Aufbau eines wissenschaftlichen Diskurses zu ihr.
Internationales Publikum im Museum unterstreicht an diesem Samstagvormittag, wie wohl zu jeder Zeit des möglichen Zugangs zu den Räumlichkeiten an der Adresse Berggasse 19, die ungebrochene Weltgeltung Sigmund Freuds.
Foto: Blick aus dem Fenster im Arbeitszimmer von Sigmund Freud. Der Spiegel am Fenster, von Anna Freud 1971 dem Museum überlassen, rekonstruiert den Usus des Vaters, hinaus und sich selbst ins Gesicht blicken zu können.
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