Alles beginnt mit einer von vielen simplen Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Linz. Ein Morgen, ein Gelenksbus, eine Kurve, neunzig Grad Richtungsänderung: Der Bus hat dabei sicher mehr als die ortsüblich erlaubte Geschwindigkeit von 50km/h. Das Gerät an sich, zur Morgenstunde voll mit Passagieren, neigt sich auf einer Seite tief, die Leute darin erleben sitzend oder stehend die Fliehkraft deutlich am Körper und in Bändigung ihrer Handgepäcksstücke. Ich spüre in dieser Situation die Anspannung der noch müden und eigentlich gut trainierten Rumpfmuskeln (vom Schwimmen!) und erahne dennoch, warum Leute, die ihr gut bezahltes Brot sitzend und fahrend in Cockpits von Formel-1-Autos verdienen, im Fitnessstudio ihre Muskulatur stärken müssen. Wie viel „g“ bei der Kurvenfahrt dieses Linz-Linien-Busses wirkten, weiß ich nicht, will ich auch gar nicht wissen. Die Mienen aller deuteten dies aus: zu viel.
Am Feierabend erzählte ich es meiner Liebsten und sie antwortete mit dem trockenen Satz: „Das war noch nichts, da musst du erst einmal mit dem 25er durch den Kreisverkehr am Chemieknoten, da brauchst du keinen Jahrmarkt mehr.“
Nun gut, demnächst beginnt in Linz-Urfahr wieder das frühjährliche Jahrmarktsgeschehen, dieses Mal sogar länger als die üblichen neun Tage. Außerdem: Wir leben in Zeiten, die anhalten, sparsam zu sein. Mit 3,20 Euro ist man bei einer Langstreckenfahrt (Tickettyp Midi) günstiger mit von der Partie einer Berauschung durch erlebbare Physik als auf so manchem Schaustellerangebot. Ich also probierte es aus. Gewählte Strecke auf Empfehlung der Liebsten: vom Europaplatz bis Turmstraße.
Kurz gesagt: Ja, hat was, kann was. Erste Erkenntnis wie schon zuletzt an der Kurve Volksgartenstraße zu Goethestraße: Innerstädtisches Einhalten von 50km/h gilt unter den wohl von Max Verstappen trainierten Buslenkern als super-feig. Der Fuß geht aufs Gas, die Straße ist gerade, die Einschätzung, ob man die lange Blechbüchse mit Gelenk und vielen Passagieren noch durchs Rot der Kreuzung in die Haltestellenbucht gegenüber bremst oder nicht, fällt in Hundertstelsekunden, und zwar zu Gunsten des Halts doch noch an der Ampel zuvor. Gut 50 Passagiere machen synchron die Vor-/Zurückbewegung des scharfen Bremsmanövers mit. Es folgt eine Art Bewegungsecho des Ganzen nach Querung der Kreuzung bei nächster Grünphase und Haltestellenhalt unmittelbar danach. Diese Ouvertüre von Fahrgeschäft im Alltag wiederholt sich in der Länge der Franckstraße und bekommt Rhythmus bis zur Brücke über die A7. Dort naht dann ja die erste Schlüsselpassage, der Kreisverkehr am Chemieknoten, verkehrsbelastet bedingt bei meiner Fahrt moderat genommen. Aber ich erkenne, was möglich wäre, wenn man den Piloten am Buslenkrad und Gaspedal mehr Freiraum ließe.
Was er kann, zeigt er uns unmittelbar danach mit der großen, temporeichen Einkehrschleife an der Haltestelle „Chemiepark“. Durchatmen. Gleich fahren wir zurück nochmals durch den Kreisverkehr. Wir erleben eine Andeutung von stärkerer Fliehkraft als zuvor, dann geht es unter der Auffahrt zur Steyreggerbrücke durch und in die Rotphase der Ampel links hinein ins VOEST-Gelände. Linzer Ampeln neigen zum Spielverderben. Wir warten zu lang, der Bus(fahrer)fuß zuckt vor der Ampel nervös am Gaspedal das Sportgerät in Richtung Linksabbiegen, schon gierig auf wieder eine halbe Kreisverkehrsschikane danach. Der Takt dem VOEST-Betriebsgelände entlang mit den legendären Haltestellen Kokerei, Betriebsgebäude 41 und Betriebsgebäude 47 weckt nun nostalgische Erinnerungen an Zeiten, als Linie 25 eingerichtet wurde, mit der Sensation, erlaubterweise durchs Werksgelände zu „cruisen“. Ausstieg nur für Betriebsangehörige, hieß es damals in den Ansagen. Heute fährt der Bus immer einem Zaun entlang, der den eigentlichen Betriebsschutz des Stahlwerks bildet.
Der schöne Schluss dieses Abenteuers als Ersatzrauschmittel für gewollte Gleichgewichtsstörungen beginnt mit dem Durchtauchen der Unterführung der Bahnlinie (die Liebste meint dazu, da könnten mit einigen gespenstischen Lichtprojektionen noch Jahrmarktsersatzeffekte gesetzt werden! Kleiner Tipp an die Event-Abteilung der Linz AG Linien also). Dann geht´s rasant in eine enge Rechtskurve leicht aufwärts und wenig hundert Meter später nochmals gegengleich durch Ähnliches nach links. Die Knie zittern, meine Körperachse braucht eine Kalibrierung. Ich saß zwar – in Übermut sogar mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Ich erhebe mich, etwas wackelig und verlasse an der Haltestelle Turmstraße das Fahrgeschäft.
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