Raum & Architektur

Als würde alles ihnen gehören

Die Bilder, die mir da vom vorvergangenen Samstag über social-media-Tagebücher vor Augen gebracht wurden, wirbeln Erinnerungen an jenen Wahnsinn auf, von dem sich meine Familie vor knapp zwanzig Jahren befreit hat. Wir lebten in Linz-Urfahr in der Ferihumerstraße nahe zur Eisenbahnbrücke, noch der alten schönen, leider abgetragen und kompliziert mit einer, ja, schon auch schönen neuen ersetzt.

Unser Kind, damals vier Jahre alt, wuchs am Grünland nahe der Donau auf. Ein Spielplatz lag um die Ecke, das erweiterte Kinderzimmer verfügte sogar über ein großes Planschbecken, und die Rottweiler, die ihre Herrchen dort vorbeizogen, auch wenn diese vorgaben, sie hätten die kräftigen Hunde per Leine im Griff, ließen uns Jungeltern Wache schieben. Wir wollten nicht, dass passiert, was heute immer wieder einmal hässliche Schlagzeilen auf Chronikseiten von Zeitungen macht.

Sonst ließ es sich fein leben.

Bis auf zweimal neun Tage im Jahr, wenn sich das benachbarte Jahrmarktsgelände ganz seiner namentlichen Widmung gemäß in eine temporäre Stadt aus Ausstellungshallen, Bierzelten und einigen Fahrgeschäften verwandelte: Dann hob es an einem Samstag an. Die Gegend begann zu brummen, sie atmete eine Art Mundgeruch aus Langos, Bier und Frittieröl aus. Wir Anrainerinnen und Anrainer gingen in fremden Menschenmassen unter. Wer mit seinem Auto aus welchen Gründen auch immer vom Wohnort wegfahren musste, verabschiedete sich bis zu einer unbestimmten Rückkehr, je nachdem wie weit der Umkreis ausfiel, aus dem man abends nach erobertem Stellplatz kilometerweit nach Hause wanderte. Denn die beschauliche Privatheit des Wohnens an der Donau wurde von einfallenden Vergnügungssüchtigen okkupiert, die sich in größter Selbstverständlichkeit gebärdeten, als würde hier alles ihnen gehören.

Wäre es nur auf die neun Tage der beiden saisonalen Jahrmärkte beschränkt geblieben! Doch ihnen gehen jeweils drei Wochen Aufbau voraus und eine Woche des Abbaus muss folgen, wodurch in Summe Jahr für Jahr mindestens zehn Wochen (ein Jahresfünftel!) Ruhe und Privatheit dem lustigen Rauschtreiben geopfert werden. Vorausgesetzt, die Stadt favorisiert nicht noch die Durchführung anderer Events vor den Nasen tausender Bürgerinnen und Bürger in den schönen Wohnanlagen am Damm. Ich weiß noch, wie ich jede Freude an der Musik von „Status Quo“ verlor, nachdem die Band an der Eisenbahnbrücke in einem Open Air aufgetreten war und die Verstärker aufgedreht wurden, sodass bei uns die Fensterscheiben wackelten.

Nachtruhe ab 22 Uhr bleibt in diesen Eventüberlagerungen von Wohnen ein Anspruch ohne Rechtskraft, zumal letzte Irrläufer aus den Jahrmärkten oder Konzerten gerne bis in die frühen Morgenstunden durch die Gegend torkeln und sich durch Alkohol enthemmt laut unterhalten oder auf gleichem Weg wieder von sich geben, was sie zuvor zu sich genommen haben.

Gestern vor einer Woche aber, nach zweijähriger Pandemiepause, die so dazu eingeladen hätte, dem Ganzen doch eine konzeptuelle Veränderung zu verpassen, die die Lebensqualität der Anrainerinnen und Anrainer berücksichtigt hätte, ging der Urfahraner Jahrmarkt in seine Wiederauferstehung. Dafür hat die Stadt Linz der Ferihumerstraße noch rasch ein Fahrverbot nur mit Ausnahme für dort Wohnende verpasst, endlich und Jahrzehnte zu spät. Ein Verkehrszeichen, wunderschön anzusehen und von der Vergnügungsmeute sanktionslos ignoriert, genauso wie zahlreiche Halte- und Parkverbote. Ein Scherengitter schob man zuletzt noch zusätzlich auf die Straße, ein armseliges Utensil, leicht verrückbar, also eigentlich zwecklos. Die gönnerischen Gesten gelten weiterhin der nach Linz einfallenden Jahrmarktsbesuchermasse und sie lassen Anliegen und Bedürfnisse der dort ansässigen Bürgerinnen und Bürgern konsequent komplett außer Acht. Jahrmärkte, Konzerte, Sommerfeste, Schiffsanlegestationen. Es geht rund. Mit Tendenz zur Permanenz. Viele haben sich darum abgewandt, sind ausgezogen, sind abgewandert. So wie wir. Jedem Linzer Bürgermeister ist das herzlich egal. Und das sagt auch schon genug über ihn aus.

Heute Abend ist es für die lieben ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn einmal mehr ausgestanden. Nur in Sachen Jahrmarkt, wohlgemerkt. Und auch dessen Herbsttermin Ende September kommt rascher, als sie es wollen.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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