Literatur

Sarajevo, eine schöne Stadt

In der gestern Abend eingeschobenen Zusatzvorstellung in den Kammerspielen des Landestheaters Linz zeigt sich „Radio Sarajevo“, die Bühnenfassung von Tijan Silas Roman, als vom Publikum besonders angenommen, weil das Wecken von Erinnerungen und das Wegziehen der Decke des Vergessens damit grandios gelingen. Einmal noch füllt der Abend das Haus, Ende Mai, da aber auch schon ausverkauft. Wer sich dann für diese wunderbare Theaterproduktion in der so versierten Handschrift von Regisseurin Sara Ostertag interessiert, wird im Herbst 2026 nach Wien ins TEATA Gumpendorferstraße reisen müssen. Die Koproduktion zwischen beiden Theaterhäusern findet dann dort in den Spielplan.

Ich las nach dem Erleben der Bühnenfassung (in der Generalprobe) den Roman. Die Lektüre vertiefte, auch mit jenen Passagen darin, die fürs Theater (gut eingeschätzt) ausgespart worden sind. Die Familiengeschichte, auf der Bühne mit Luka Dimić, Daniel Klausner, Klaus Müller-Beck und Jelena Popržan als Musikerin bzw. in der Rolle der Mutter, lässt die Belagerung der bosnischen Hauptstadt im Balkankrieg nachempfinden. In meinem Kopf erwachten die Fernsehbilder der neunziger Jahre, die Aufnahmen aus der Weite von schwierigen Passagen über freie Plätze zwischen Plattenbauten. Die Leute von Sarajevo rannten um ihr Leben durch die Fadenkreuze der Scharfschützen in den Stellungen oberhalb der geographischen Kessellage der Stadt.

In meinem Kopf erwachte mein Erleben der Stadt im Spätsommer 2007, als wir (Thomas Duschlbauer und ich) mit dem EuroBus hinfuhren. Unser einheimischer Guide und lieber Freund Damir Saračević, der ein vorzügliches Programm für uns organisiert hatte, nahm den Flug. Thomas und ich waren auf „Scouting“, wir suchten die Realisierbarkeit einer literarischen Projektidee, nämlich der, ob im Bus nicht auch zweisprachige Texte reisen könnten, Literatur als Reisebegleiter für den Pendelverkehr von Bosnierinnen und Bosnier aus Österreich in die Heimat und zurück. Als Österreicher waren wir zwei Ausnahmeerscheinungen im Bus. Die Fahrt kostete in eine Richtung etwas über 70 Euro und einen Obolus für die kleinen Gaben (Limonade, Süßes), charmant „Koffergeld“ genannt, am Grenzübertritt Kroatiens zu Bosnien im Bereich der Republika Srpska. Mir blieb unvergessen, wie wir hier – die Hinfahrt war eine durch die Nacht – die dreifache Kontrolle (Kroaten, bosnische Kroaten, einen Kilometer ins Land hinein dann noch die serbische Polizei) passierten. Insbesondere für allein reisende Männer (ohne österreichischen Reisepass) war es kribblig, da wurden Datenbanken durchforstet, ob nicht ein Kriegsverbrecher ins Land (und bei der Rückfahrt aus diesem heraus) wollte.

In Sarajevo organisierte uns Damir einen Besuch eines Gebets in der Moschee, ein Gespräch mit dem Imam im Hinterzimmer einer Lokalität der Baščaršija und auch ein Treffen mit dem Direktor des Stadtmuseums. Er erzählte uns, wie er Kunstgeschichte studierend mit Freunden im Hof des Studentenheims in Sarajevo Basketball spielte, zu Kriegszeiten. Das Pfeifen in der Luft verwunderte sie, bis die Sportler erkannten, dass Scharfschützen auf sie anhielten und nur die schnellen Bewegungen mit dem Ball sie überleben ließen. Wir trafen auch einen Verleger in seinem Haus etwas oberhalb der Stadt, wir philosophierten über Kooperation, wir brachten es leider nicht zu einer Realisierung. Ich erinnere mich an die partizipative Vorgangsweise des Verlegers, ein Wörterbuch Bosnisch-Türkisch herauszugeben. Auflage 1 war voller Fehler, es gab darin Rücksendekarten für Verbesserungen; jede und jeder, die oder der einsandte, erhielt als Dank ein Exemplar der korrigierten zweiten Auflage. Im Straßencafé in früher Septemberwärme wanderte der Blick durch die freie Straßenachse in den Süden, begrenzt durch den dort steil anwachsenden Berg, 1984 auch Heimat olympischer Winterspiele (die für Österreich sehr bescheiden ausfielen, eine Bronzemedaille in der Abfahrt durch Anton „Jimmy“ Steiner“). Als Österreicher nimmt man natürlich auch die Stelle des Attentats vom 28. Juni 1914 sehr bewusst und beklemmend wahr. Am meisten umfingen aber Architekturen und Kulturen der Religionen, die sich in Sarajevo begegnen, uns Flaneure; Sarajevo, eine Stadt der Verständigung, in schwierigen politischen Verhältnissen nach dem Krieg der neunziger Jahre.

Ich sah Sila in der Bühnenfassung, ich las ihn, ich fiel in mein Kopfkino von Sarajevo. Vergangene Woche dann bei meinen Eltern, das Smartphone meines Vaters gibt Signal, er aktiviert es: „Ah, der Kollege ist wieder auf Reisen und er schickt Fotos“, sagt er erfreut über Chat-Post, die die beiden verbindet, und das mehr als 25 Jahre nach Ende der gemeinsamen Berufstätigkeit. Und weiter: „Wo ist er? Schau, er schreibt – Sarajevo ist eine schöne Stadt.“ Ich kann das nur bestätigen. Es wird Zeit für ein Wiedersehen.

Foto von Herwig Prammer: Szene aus „Radio Sarajevo“ (Luka Dimić, Daniel Klausner), mit freundlicher Genehmigung von Landestheater Linz (Oberösterreich)

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