Satire

Das goldene „Ätsch!“

Was tun wir dem Mann Unrecht! Warum halten wir ihn für ein mehr als ausgewachsenes trotziges Kleinkind? Heute enthüllen wir seine humanistische Bildung als seine wahre Führungsphilosophie. Der mächtigste Mann der Welt ergeht sich doch nicht in Oberflächlichkeit, wenn er in seiner Inaugurationsrede ausruft: „Das goldene Zeitalter für Amerika beginnt genau jetzt.“ Die Menge  verstand sofort und sie applaudierte darum kräftig. Denn da hat einer seinen Ovid und dessen „Metamorphosen“ gelesen, „goldenes Zeitalter“, das ist ein Code. Er löste sogleich etwas aus, bei mir.

„Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo/sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat./poena metusque aberant, nec verba minantia fixo/aere legebantur, nec supplex turba timebat/iudicis ora sui, sed erant sine vindice tuti.“ So weit bricht es in richtig betonten Hexametern aus mir heraus.

Und, zugegeben, das lateinische Original in den Versen 89 bis 93 sitzt auswendig seit mehr als vier Jahrzehnten sehr gut. Für die Übersetzung nehme ich vierzig Jahre nach meiner Matura (ja, heuer Jubiläum) doch online-Hilfe. Die gab es natürlich damals noch nicht. Die Schummler, die wir nutzten, waren klein, im Format DINA7, sehr analog mit mausgrauem Kartonumschlag, und sie hießen „Schmierer“.

In deutscher Übersetzung mit dankenswerter Unterstützung durch lateinon.de (abgerufen am 27.1.2025) also: „Als erstes entstand das Goldene Zeitalter, welches ohne einen Strafvollstrecker, freiwillig und ohne ein Gesetz immer die Aufrichtigkeit und das rechte Tun hochhielt. Strafe und Furcht gab es nicht, auch las man keine drohenden Worte, in Erz geschrieben, keine flehende Menge zitterte vor dem Spruch des Richters, sondern alle waren in Sicherheit ohne einen Rächer.“

Und nun in der Deutung von Donald Trump: Als erstes entstand das Goldene Zeitalter, klar, erstes, das ist America first, darum beginnt das goldene Zeitalter. „Ohne einen Strafvollstrecker, freiwillig und ohne ein Gesetz“ lebe die Aufrichtigkeit und werde das rechte (republikanische) Tun hochgehalten. Darin liegt die Pflicht zum Auftrag begründet, dass Präsident Trump die 1500 Verurteilten des Sturms aufs Kapitol vom 6. Jänner 2021 begnadigen musste. Die waren doch alle so aufrichtig nach dem Wahlbetrug 2020 und sie taten es darum ja „recht(sextrem)“. „Strafe“ gab es nicht, wenn dem so ist, was braucht es dann eine Justiz? Kann man ignorieren oder als Präsident aushebeln.

„Auch las man keine drohenden Worte“, richtig, zwar unterschrieb Trump genug executive orders, aber die wirklichen Änderungen blieben nur mündlich angesagt, Grönland ergibt sich selbst Amerika, bei Ovid heißt es da einige Verse weiter ja „Auch die Erde selbst gab alles von sich aus ohne Zwang, von keiner Hacke berührt noch aufgerissen von irgendwelchen Pflugscharen“. Kanada als 51. Bundesland, den Gaza-Streifen „säubern“, alles nur gesagt, nichts „in Erz geschrieben“. Für all das wird es keinen Richter brauchen, all das arbeitet der neuen Sicherheitsdoktrin im Selbstverständnis zu. POTUS (President of the United States) versteht sich darum ja auch nicht als „Rächer“ nach der bösen, bösen durch den Demokraten Joe Biden geführten Zeit. Sein Überleben des Attentats im Sommer 2024 machte Trump zum „Geschenk Gottes“ ans Land.

Es bringt (Ovids Verse 107 bis 112) Speisen, Früchte hervor ohne Zwang, ewigen Frühling, milde Lüfte lassen alles gedeihen, denn die Hysterie rundum den Klimawandel ist ja Quatsch. Darum sagte Gottesgeschenk ja auch an, dass alle wieder Autos nach Wunsch, Willen und eigener Brieftaschenkraft fahren werden dürfen. Das steckt in der Metapher der Ernte ohne irgendeine Anstrengung, ohne irgendein Bestellen des Felds. Vom Fließen eines „goldgelben Honigs“ schreibt Ovid, damit kann er nur das raffinierte Öl, wie es als Benzin und also Nahrung für die gigantischen Verbrenner auf vier Rädern gefüllt werden muss, verstanden haben.

Trump legt uns Ovid neu aus. Das ist die republikanische Metamorphose in den kommenden vier Jahren, Amerika ist im golden age. Nur griesgrämige deutschsprechende Europäer, die Ovid nicht wirklich verstehen wollen, hören im age den schadenfrohen Ausruf von Spott gegen die ganze Welt, ein goldenes „Ätsch!“.

Foto: Pexels/Free Photo Library – Suchbegriff „metamorphosis“

2 replies »

  1. Oh, wirklich. Wir Ungebildeten! Ist ja auch klar, dass die Amerikaner lateinische Texte besser verstehen, wo doch schon Cäsar gleich zu Beginn in seiner Erzählung über den gallischen Krieg ein cooles, westernartiges „Hi omnes …“ – „Hi, ihr alle“ rausgeschoben hat 😉 So muss man das lesen!

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  2. Vielen Dank. Das war nun wirklich eine verständliche Übertragung nebst Interpretation. Nur das Ätsch am Schluß… das ist, glaube ich, die lange Nase, die gewisse Kräfte, sich durchaus vergleichbar mit den sich selbst vergoldenden Amerikanern sehend, uns anderen drehen. Jene Österreicher, Ungarn, Italiener, Niederländer und, man muß es befürchten, bald auch Franzosen und Deutschen dem Überrest ihrer so am Gestern, an ihrem Rechtsstaat und ihrer Demokratie hängenden Bevölkerung, die noch nicht mit im Vorgestern angekommen sind.

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