Theater

Eine Liebe in Briefen

Ich musste nachsehen, „Love Letters“ von A. R. Gurney (dessen Vornameninitialen sich auch nur durch Recherche in Albert Ramsdell aufschlüsseln lassen) wurde 1988 uraufgeführt. Es war in deutschsprachigen Breiten wohl das Zwei-Personen-Stück, das seinen Namen – nur in der Version mit abgekürzten Vornamen – dann ein Jahrzehnt lang bekannt werden ließ.

Viel gespielt versank es danach in den Archiven, denn ein Briefwechsel, wen kümmerte das noch? Nachdem Internet aufkam, das Mailen, dann das Chatten? Melissa und Andrew erzählen in ihren „Love Letters“ von einem Leben jeweils mit (wechselseitig ihrem/seinem) „Lebensmenschen“, hätte vielleicht Thomas Bernhard dazu gesagt, Liebe nur platonisch, auf Distanz, also unerfüllt, darin vielleicht Menetekel unserer Gegenwart. Denn natürlich nimmt sich die Geschichte der beiden zuerst einmal „veraltert“ aus, gewachsen aus einem Rollenverständnis eines republikanisch geführten Amerika, dazumals unter Führung eines Schauspielers, der als Cowboy in Filmen auffiel und schon mal gerne in ein offenes Mikrofon vom Beginn von Bombardierung in fünf Minuten (gemeint von Russland!) witzelte, zu Zeiten des Kalten Kriegs (!), als Sprechprobe (!), das Amerika unter Ronald Reagan. Heute erleben wir seltsame Sprechproben seines Nachfolgers im Amt.

Im Theater Phoenix in Linz (Oberösterreich) zeigt das Bühnen-Revival des Brief-Dialogs Aktualität in den vorbestimmten Biografien, in die Frau und Mann gezwungen sind, Melissa, die durch Internate tourt, Regelverstößen wegen wechseln muss, sich ausprobiert, entfalten will, künstlerisch und nicht wirklich Fuß fassen kann oder darf; Andrew, der die Bewunderung dieser vermeintlichen Freiheit niederschreibt und nicht aus der eigenen Karrierespur springen darf, Schule, Universität, Militär, politische Laufbahn. Die Inszenierung von Christine Wipplinger hat dem Schauspieler hier als Metapher gegeben, dass er sich in den neunzig Minuten ankleidet: Vom T-Shirt des Andrew-Schülers uniformiert er sich Kleidungsstück um Kleidungsstück, Hemd, Krawatte, Gilet, Sakko in den Business-Look des Senators.

Ferry Öllinger, Gründungsmitglied der Spielstatt Junge Bühne Leonding, die in etwa zur Zeit, als A. R. Gurney „Love Letters“ (deutsch von Inge Greiffenhagen und Daniel Karasek) herausbrachte, ins ehemalige Phoenix-Kino an der Linzer Wienerstraße übersiedelte, der kraftvolle Darsteller vieler Figuren (in bester Erinnerung nur beispielsweise in den Turrini-Stücken von „Rozznjogd“ und „Die Minderleister“), musste gesundheitlich bedingt nach der schönen Fernsehkarriere als Chefinspektor Kroisleitner in „SOKO Kitzbühel“ eine Bühnenpause einschieben. Aus der kehrt er nun als Andrew wieder und an die Stätte der eigenen schauspielerischen Wurzeln zurück. Und da serviert er den Amerikaner in der Bredouille von Rolle und Pflicht und unter gesellschaftlichem Erwartungsdruck herzenswarm. Gabriele Deutsch spendet so wunderbar dem Ungestüm, das in Melissa lodert, ihre Bühnenpräsenz. Sie zeigt, dass es eigentlich um Revolution geht, ums Ausbrechen in einem Land, das klischiert der Redewendung von den unbegrenzten Möglichkeiten zwar Ehre macht, aber genauer betrachtet erkennen lässt, wie streng repressiv es sein kann.

So ist die Reise durch die Lebensgeschichten eines Paars, das es wohl war oder ist, obwohl es nicht (oder doch ein wenig, eine Stelle hält das gut offen) zusammenfinden durfte, auch eine in ein Gesellschaftsbild, das nur oberflächlich als überlebt daherkommt. Denn jenseits des großen Teichs sagt nun ja einer an, dass es wieder in diese Richtung gehen soll.

Zum Premierentermin am 23. Jänner 2025 zählten wir gerade Tag vier von Herrn Trump in seiner zweiten Amtszeit und ob executive orders oder nur Ansagen, ob Abtreibungsverbot, Stopp von Diversitätsprogrammen (nur als zwei Beispiele), die populistische Vorwärtsbewegung in eine vermeintlich gute Vergangenheit läuft ja. Und verlangt darum auch amerikanische Dramatik in heutiger inszenatorischer Lesart auf unseren Bühnen: „Love Letters“ darf – nein, muss also in Linz schon auch als gesellschaftskritisches Statement entdeckt werden.

Presse-Foto von Theater Phoenix von Andreas Kurz – „Love Letters“ mit Gabriele Deutsch und Ferry Öllinger

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