Essen & Trinken

Ente für alle Gelegenheiten

Was kümmert uns die Welt? Ihre Krisen? Ihr Leid? Alles ist gut, scheint gut. Lieferketten der Globalisierung stockten oder wären gar unterbrochen. Sagten sie. Dann aber verfängt sich an einer Kartonagen-Anschwemmung an einem Gehsteig in der Linzer Innenstadt mein Blick am Schriftzug einer weißen Schachtel: „Duck for all occasions“. Mit den zusätzlichen Reizwörtern „boneless“ und „roasted“ scheinen sich die Gelegenheiten in einer vermeintlichen Fülle – „for all?“ – doch nur noch auf die einer Gaumenfreude zu reduzieren.

Ich passierte die Stelle in den Tagen darauf öfter, meine Wege führten mich immer wieder vorbei. Die Schachteln warteten geraume Zeit darauf, jetzt hätte ich fast geschrieben, „artgerecht“ entsorgt zu werden. Das Denken eilt dem Schreiben voraus. Denn mich kümmerte schon der ausgewiesene Umstand der Enten für alle Gelegenheiten, knochenlos und gebraten, woher und wie auch immer sie in Linz gelandet sein müssen. Fernöstliche Schriftzeichen weisen die Schachtel als Wohlstandsstrandgut aus. Weit und breit zeigte sich nicht wirklich eine Spur, wer importiert, verarbeitet hatte, wer anbietet. Erst eine gute Woche später wunderte ich mich über einen (zumindest meiner Beobachtung nach) neuen Straßenimbiss im Windfang eines nahen Einkaufszentrums, ein Imbiss von jener Sorte, den ich selbst in Situationen größten Grummens im Bauch wegen Hunger sicher nicht als Dienstleister in Anspruch nehmen wollte. Hinter seiner Vitrine warb der Gastronom mit einem handgeschriebenen Zettel für „Ente“ um einen Euro und noch ein paar Cent mehr. Wer´s mag? Ente für alle Gelegenheiten bedeutet auch, eine solche einfach verstreichen zu lassen.

Seit einer Vorspeise, die man uns Menschen im berufsbildenden Schulsystem Österreichs mit Auftrag zur Unterstützung der Schulaufsicht in Sachen Qualitätsprozessmanagement vor Jahren bei einer Tagung in einem wirklichen namhaften Hotel in der Steiermark reichte, gebratene Entenbrust auf Salat, lasse ich sehr gerne den Vogel im knochenlosen und gebratenen Zustand aus. Nie zuvor (und danach) erlebte ich so eine Übelkeit. Nicht allein. Im Kollektiv der Kolleginnen und Kollegen dämmerten wir magen- und verdauungsverstimmt den darauffolgenden Tagungstag durch eine unauflösbar scheinende End-(Enten?)-Stimmung.

Mir sind darum „Ducks for all occasions“ heute am liebsten, wenn sie an Ufern watscheln oder im Familienverband dahinzuckelnd im See ihren Vorrang gegenüber Schwimmern geltend machen. Das verstehe ich dann als „Tierwohl“, dieses wirklich schöne neue Kompositum, entstanden in der Lebendigkeit, die jeder Sprache und ihrem Wortschatz innewohnt. Tierwohl steht als qualitative Auszeichnung semantisch auch für regionale Herkunft und Produktion von Lebensmittel – also sicher nicht anwendbar für Fleischimport aus Fernost.

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