Sprache

Kleingedrucktes

Wie soll ich das lesen können? Ja, ich bin ein alter weißer Mann, trage Brille, schätze aber meinen eigentlich scharfen Blick. Das Brillenglas vorm linken Auge gleicht seit eh und je eine Verkrümmung der Hornhaut aus, rechts habe ich de facto Fensterglas, mehr ist es nicht.

An diesem Donnerstag betreue ich eine von zehn Gruppen bei der Eignungsprüfung für die Aufnahme in unsere Schule. Eine Schülerin hält mir stolz auf ihrem Smartphone-Bildschirm das Attest eines extern und extra für diesen Anlass gemachten PCR-Tests unter die Nase. Wir haben das nicht verlangt. Natürlich freue ich mich darüber, schätze die Verantwortung sich selbst und der unbekannten Gemeinschaft gegenüber, in die das Mädchen für den Anlass eingetreten ist.

Jetzt aber ist auf vielleicht zehn Zentimeter Länge und vier Breite ein behördliches Dokument, im Original DINA4 und schon da in kleiner Schrift gedruckt, verkleinert und komplett dargestellt. Ein grüner Querstrich, wohl in Schriftgröße von 0,1 Punkt, muss folglich die erlösende Formel „nicht nachgewiesen“ sein. Ich ersuche unsere Kandidatin ums freundliche Vergrößern, um diese Wachstum gebende Fingerbewegung auf den Touchscreens, die uns allen schon so in die Feinmotorik eingegangen ist, so sehr, ich wollte sie auch gern anderswo einsetzen, nicht nur digital, gern auch physisch real. Etwa, um noch im Pandemiegeschehen zu bleiben, bei Beipackzetteln zu Antigentest-Sets, die zu studieren sich wohl niemand antut, bis auf jene Passagen, die zu kennen halt wirklich notwendig ist. Es sind die kleinen feinen Unterschiede, von Hersteller zu Hersteller. Rührt man 30 Sekunden? Oder achtmal und danach muss der Wattestäbchenkopf eine Minute in der Pufferlösung stehen? Gedruckt ist dies auf dünnem Papier, durchsichtig fast, mehrfach gefaltet, mehrsprachig.

Wer layoutiert so etwas? Mit welcher Absicht? Hier trifft Ökonomie auf Ökologie, die Pflicht, eine Gebrauchsanweisung beizugeben auf die Realität, dass diese ohnehin niemand liest. Außer mir.

Ähnlich erlebe ich das auf Drucksorten des Kulturbetriebs, man reicht Informationen, findet Willige für die Lektüre und lebt für eine wirklich rezeptionsfreudige Gruppe des Publikums (und das sind in der Altersstruktur wohl Leute meiner Generation und es zieht weiter die Alterspyramide hinauf bis in greise Kreise) eine Kleinstdruckmanie. Die Produzenten unterwerfen sich falschem Sparwillen, wenn sie dramaturgische Handreichungen zu Ausstellungen, Theater und Konzert aufs mit freiem Auge nicht mehr Entzifferbare schrumpfen. Wenn es in Sachen Lesefreundlichkeit gilt, dieser noch mehr zuzusetzen, dann wird die Schrift gerne in Weiß auf farblich kräftig deckendem Untergrund gedruckt. Auf einem Flyer zu einem wunderbaren Theaterabend rund um Hildegard Knef fand ich so unlängst auf C6-Format (Geschäftsbrief) eine Fülle von aufschlussreichem Unlesbaren. Ich weiß noch immer nicht, was das Programmheft zum „Le sacre du printemps/Metamorphosen“-Tanzabend des Landestheaters Linz transportieren wollte, es war nicht lesbar. Auch als Autor wurde ich schon Opfer der Schriftgröße jenseits des Rands der Wahrnehmbarkeit. Ich bin stolz auf meinen Beitrag zu „Stadtoasen. Linzer Gärten, Plätze und Parks“, einer Ausstellung, die 2018 im NORDICO Stadtmuseum Linz gezeigt worden war. Das Katalogbuch dazu gab trotz Mikro-Schrift einen gewaltigen kleinen Würfel ab, reich an essayistischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, würde die Lektüre nicht die Mühe verursachen, unter guter Lichtquelle eine Lupe so zu halten, dass Buchstaben, Wörter und Sätze zu lesbarer Größe wachsen.

Letzthin fuhr ich zur Selbstbedienungstankstelle meines Vertrauens. Der Anbieter hat an dieser das Bedienungspanel ausgetauscht, flotter neuer Touchscreen, vorgeschaltet zu jenem Automaten, der die Kreditkarte liest. Selbst der hat einen kleinen Bildschirm, auf dem geheimnisvolle 2-Punkt-Schrift-Anweisungen vorwegnehmen, was nach Betankung des Personenkraftwagens auf einem schmalen Papierstreifchen namens Beleg quittiert wird. Ich habe ihn abfotografiert, um mit der berühmten Spreizbewegung meiner Finger auf dem Touchscreen des Smartphones zu Hause wahrnehmen zu können, wie viel ich um welchen Preis getankt habe. Nun gut, darin mag gegenwärtig vielleicht Kalkül liegen, Motto: Schau dir lieber nicht an, was du gerade in Treibstoff investieren musstest!

Foto: Vier Zeilen in zwölf Millimeter – lesefreundlich geht wirklich anders, auch wenn das Zoom der Kamera Lesbarkeit vortäuscht

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