Bildung

Intelligenzaustausch

Es ist immer so. Ein Begriff heizt eine Kontroverse an, genau diesem Zweck dient er. Qualifizierte Menschen kommen sodann ihrer Verpflichtung zur Aufklärung nach. Sie treten an, mittels Fakten zu verifizieren oder zu falsifizieren, was das Wort eigentlich zu bezeichnen beabsichtigt. In Österreich haben wir das eben wieder einmal erlebt, am Fallbeispiel „Bevölkerungsaustausch“. Sehr präzise klärten etwa Thomas Hödlmoser und Christian Resch unter Konsultation von Wissenschaftlern (Demografie, Kommunikationswissenschaft, Genetik) in der Wochenendbeilage der Salzburger Nachrichten vom 4. Mai 2019 auf. „Was ist dran am großen Austausch?“, kurz gesagt: nichts.

Dafür hat ein anderes Phänomen in nicht zu unterschätzender Dimension die Bevölkerung erfasst. Nicht allein, dass im beliebten Radioprogramm von Ö3 der „Mikro-Mann“ Passanten Fragen stellt, wie beispielsweise im wievielten Monat des Jahres wir uns mit Mai nun befinden, worauf im Brustton felsenfester Überzeugung sowohl vom vierten, sechsten oder gar von Jahresmitte geplaudert wird: Neuerdings zieht auch Reporterin Ines Salzer mit „gesalzenen“ (schaler Wortwitz mit dem Namen der Mitarbeiterin!) fake news durch das Land, ernennt dabei schon einmal Hannibal Lecter zu Donald Trumps neuem Innenminister und findet Menschen, die ihr das glauben. Ich stelle mir vor (oder ich hoffe zumindest), dass es schon eine Vielzahl von Kontakten mit „Opfern“ braucht, bis man jemanden gefunden hat, der sich dermaßen erblödet und dann auch zustimmt, dass dieses Interview veröffentlicht werden darf. Unter „Comedy“ als Feigenblättchen passiert im Massenmedium aber weit mehr als Belustigung auf Kosten einiger weitgehend anonym bleibender Bürger, die ihrer Geltungssucht in der medialen Selbstdarstellung erliegen. Die öffentliche Darstellung des blöden Österreichers ist Humor nicht nur auf Kosten dieser, sondern sie gestaltet eine Stimmung im Land mit und wirkt in Kontinuität diskriminierend, genauso wie wenn man über Menschen mit anderer Hautfarbe, Herkunft, Religion oder über ihre sexuelle Orientierung Scherze macht.

In den vergangenen Tagen wurden in einer Erhebung für die Claims Conference beschämende Wissenslücken der österreichischen Bevölkerung statistisch gemessen (Holocaust Knowledge und Awareness Study, befragt wurden 1000 Österreicher via Telefon- oder Online-Interview). Dieser Untersuchung zufolge können bei der Frage nach einem Konzentrationslager der Nazis in Österreich 42 Prozent der Befragten Mauthausen nicht nennen. 56 Prozent wussten nicht, dass mehr als sechs Millionen Juden ermordet worden sind. 38 Prozent glauben an eine mögliche Rückkehr des Nationalsozialismus an die Macht. Dieses Ergebnis bestürzt, noch dazu in seiner Veröffentlichung wenige Tage vor dem 8. Mai, dem Tag der Befreiung. Es spiegelt ebenso die Stimmung in der Bevölkerung wider. Reflexartig wird auf Versäumnisse des Bildungssystems verwiesen, das natürlich eine bedeutende Last zu tragen hat, allerdings nicht ausschließlich. Es geht dabei um einen gesellschaftspolitischen Grundkonsens, der breit und vielseitig gelebt werden muss, richtiger: müsste.

In dieser Stimmung, festgemacht an zwei Beispielen unter vielen, behauptet sich ein player am politischen Markt, der den laufenden Intelligenzaustausch perfekt zu nutzen weiß. Er befeuert ihn zusätzlich mit Hass und Angst und zaubert damit politisches Kleingeld, das in immer größer werdenden Scheinen in seine Taschen fliegt. Obwohl der Parteiobmann nicht einmal in der Lage ist, frei zu sprechen, sondern jeden Satz, gelb eingestrichen, von Manuskripten vorliest. Obwohl die vorne zur Schau getragene nationalistische Haltung damit düpiert wird, dass Werbemittel für den laufenden EU-Wahlkampf in China produziert und mit der Airline der sonst so bösen Türkei ins Land gebracht worden sind. Geht alles, der wissens- und intelligenzbefreiten Masse ist dies, gut österreichisch gesagt, wurscht. Und genau das ist wirklich richtig gefährlich.

Foto: Gedenkstätte Konzentrationslager Mauthausen (Oberösterreich) – 42 Prozent von 1000 befragten Österreichern konnten dieses nicht als Beispiel eines Todeslagers der Nazis nennen. © Matthew Cudmore/en_wiki Wikimedia Commons

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