Politik

So sind wir nicht?

Am besten ist, Sie holen sich für Ihre Lektüre rasch ein Getränk, einen Wodka vielleicht, wer´s mag, gerne auch gemixt mit Red Bull.

Das österreichische Ergebnis der EU-Wahl vom vergangenen Sonntag sieht die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), die neun Tage zuvor von übler Vergangenheit per Video eingeholt worden ist, in einer Wählerzuspruchsstärke ohne klar ersichtlichen Einfluss des Skandals. Die Brandung aus Ibiza schlug bei den Wählern an wie bei einem Felsen. Die FPÖ bekam 17,20% der Stimmen, ein Minus von 2,52 % im Vergleich zum Ergebnis 2014, angesichts der Umstände ein lässlicher Verlust.

Heute Mittwoch wurden die amtlichen Ergebnisse zu den abgegebenen Vorzugsstimmen veröffentlicht: der am 18. Mai als Parteiobmann und Vizekanzler zurückgetretene Heinz-Christian Strache bekam 44.750 Vorzugsstimmen. Er kandidierte auf Listenplatz 42, aus Gründen des Fristenlaufs konnte er bei seinem Rücktritt die Kandidatur nicht zurückziehen. Nun hat er auf Grund dieses Vorzugsstimmenpakets einen Anspruch auf ein Mandat als EU-Parlamentarier.

Beide Fakten bedeuten in logischer Schlussfolgerung, dass den treuen Wählern der FPÖ herzlich egal ist, was die Frontleute in welcher Situation von sich geben, wozu sie in Sprache und dabei in durch Alkohol gelöster Stimmung oder in dann als Teenager-Attitüde kaschierter Prahlerei vor einer attraktiven Frau bereit sind: illegale Parteienfinanzierung, Verschiebung von Staatsaufträgen nach Gutdünken zu Firmen, die eigens dafür geschaffen werden, um für die Geldspritze in die Parteikasse Gegengeschäfte anbieten zu können, der Verkauf des heimischen Wassers und die Übernahme der mächtigsten Tageszeitung im Land, in der man ein paar unliebsame Journalistenköpfe bald rollen lassen und andere, der eigenen ideologischen Gesinnungsgemeinschaft folgsame, installieren möchte. Die Ermittlungen sind im Laufen. Noch gilt für die Beteiligten die Unschuldsvermutung.

In Umkehrung muss man annehmen, dass einer Kernwählerschaft der Freiheitlichen recht ist, dass und wie die Partei (auch intransparent oder nicht nachvollziehbar und nicht zulässig) an Geldmittel für ihre Finanzierung kommt, dass ihnen faire Auftragsvergabe nach Sachlichkeitskriterien bei staatlichen Bauaufträgen egal sind oder sie auch einer kräftigen Veränderung der Besitzverhältnisse bei der Kronenzeitung, sinnbildlich für die Manipulation von unabhängigem Journalismus in Österreich, nicht abgeneigt sind. Dass dies alles nicht wirklich an der Lebenswelt und den existenziellen Bedingungen dieser Gruppierung rüttelt, verstehe ich ja auch irgendwie; dass sie in Blindheit für die Mission ihrer Helden geschlagen sind, die es den Mächtigen reinsagen, während sie sich selbst als solche gerieren. Dass sie, während sie vorgeben, sich für die kleinen Leute einzusetzen, ihnen ganz schön faule Eier ins Nest legen (nur als Beispiel, den Zwölf-Stunden-Arbeitstag). Aber dass all diese selbst dort bedingungslos zusagen, wo es um den Ausverkauf ihres Trinkwassers geht, das muss mir irgendwer erklären.

Die übliche Argumentationslinie, es handle sich bei der treuen Wählerschaft der FPÖ um die Modernisierungsverlierer, um die mit schlechter oder zumindest zu wenig Bildung, muss verlassen werden. Ich glaube, es ist viel banaler. Es geht um die heroische Gruppe der Schein-Glorreichen, die sich in einer seltsamen Melange suhlen von jenen, die die Partei zuletzt selbst sehr gerne als ihren „Narrensaum“ bezeichnet hat, ein ordentlich breites Stück Stoff, wie ich meinen möchte, bishin zu jenen, die schlicht Freude haben, sich zu einer Gruppe zu bekennen, die über Jahre hinweg bei Wahlgängen das Siegerimage für sich pachten konnte. Es geht auch um Personenkult um einen ausgebildeten Zahntechniker und seinen Werdegang (eine exzellente Darstellung ist hier zu finden).

Natürlich war in den Tagen seit der Ibizafilmpremiere und danach genug Erzählung unterwegs, die mögliche Abtrünnige einfangen und zur Wählerschaft zurückholen konnte, die bei Populisten altbekannte Täter-Opfer-Umkehr funktionierte dabei exzellent. Dass selbst jenes Medium, das so sehr Gegenstand der Machtphantasie des Vizekanzlers a.D: gewesen ist, sich leichtfertig hinreißen ließ, vom Auszug seiner Gattin mit Söhnchen zu berichten, arbeitete dieser Situation nur zu. Mitleid mit dem armen Mann, nun arbeitslos, also schon beruflich schwer getroffen, nun steht auch noch das private Glück an der Kippe. Ich bin überzeugt davon, dass hier von der Kronenzeitung ein emotionaler Stanglpass für tausende Vorzugsstimmen gespielt worden ist.

Was wird nun passieren? Spitzenfunktionäre der FPÖ beißen sich öffentlich mit Redewendungen auf die Lippen, weil man dem ehemaligen langjährigen Parteichef nicht direkt ausrichten will, was Sache sein muss. Er selbst ist Narziß genug, aus dem Vorzugsstimmenpotenzial einen direktdemokratischen Auftrag für sich zu formulieren und durch die sich zeitnah einzige öffnende Tür zu schreiten, um die politische Karriere fortzusetzen. Er (oder sein social-media-Team) lässt kaum einen Tag aus, an dem er/es nicht auf der Facebook-Orgel am eigenen Opfermythos arbeitet.

Die Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle mutmaßte, würde er das EU-Mandat annehmen, werden ihn die Ibiza-Bilder tagtäglich begleiten. Das kann der Partei nicht gefallen, schon gar nicht in jenem heftigen Nationalratswahlkampf, der Österreich in den kommenden Monaten bevorsteht. Unser Land auf europäischer Ebene braucht es schon gar nicht, denn wir waren lange Tage die Lachnummer, nicht nur Europas. Es könnte gut sein, dass wir das bleiben.

Sollten Sie noch etwas im Glas haben, wäre jetzt der Zeitpunkt, es in sich zu kippen. Auf ex!

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