Theater

Kein Andorraner hat etwas zu befürchten

Pflichtlektüre im Deutsch-Unterricht! Legt Bühnenbilder Florian Parbs deswegen Max Frischs „Andorra“ in eine große graue Schachtel wie ein Klassenzimmer? Noch dazu fungieren die schwarzen Wände reihum als Tafel. Das Ensemble zeichnet sich mit Kreiden das Notwendigste, ein Kreuz, Kalkulationen, das Herz, mit dem Andri die Zuneigung zu seiner Schwester Barblin symbolisiert, später dann Luken, um das Heranrücken des Feindes beobachten zu können. „Kein Andorraner hat etwas zu befürchten“, der Satz kehrt wieder, er wirkt skandierend. Die Furcht, um die es geht, betrifft jene vor einer Enttarnung dessen, was die Gesellschaft mit einem der ihren gemacht hat, mit Andri, stigmatisiert zum Judenkind, weil sein Vater die Frucht des Seitensprungs mit der Senora in die eigene Gesellschaft aufnehmen wollte. Was auf Andri projiziert wird, verwandelt sich zu einer Wirklichkeitskonstruktion. Das Fatale an ihr: sie löst sich nur über kollektive Schuld auf.

Im Editorial meiner schon sehr alten Suhrkamp-Taschenbuchausgabe des Texts wird Joachim Kaiser zu Frischs 1961 erschienenem Stück zitiert: „Frisch hat das Drama eines unheilbaren Vorurteils geschrieben. Er hat sich … dabei auf die Frage nach dem Wie beschränkt. Nicht warum die Andorraner antisemitisch reagieren, wird erörtert, sondern auf welche Weise sie es tun.“

Im Jänner 2018 entwickelt Regisseurin Stephanie Mohr mit ihrem Ensemble einen eindringlichen Modellversuch von „Andorra“ im Schauspielhaus des Landestheaters Linz. Man hält die Luft an, denn was hier im Theater passiert, hat eine tagesaktuelle Brisanz, weil draußen, in Österreich, in aller widerwärtigen Häßlichkeit das „Wie“ des Antisemitismus heute sichtbar wird.

Viertes Bild in Max Frischs „Andorra“ am Landestheater Linz: die Mutter (Katharina Hoffmann), Andri (Clemens Berndorff), der Arzt (Sebastian Hufschmidt) – Foto: Petra Moser/Landestheater Linz

In der Linzer Inszenierung sind alle Schauspieler stets auf der Bühne präsent, sie formieren sich zu Gruppen, mal wartend und darin quasi abgestellt, bevor sie in kleinen Tableaus die Mikrokosmen Andorras bilden. Nur die Senora steigt nach der Pause aus der Tiefe des Bühnenbodens herauf, als Fremde stößt sie die Kettenreaktion jener Kristallisationsprozesse an, die aus der sich so sicher wiegenden Andorraner Welt die schlummernde antisemitische Fratze herauslocken. Zu den Reflexionsmonologen der einzelnen Figuren über die Rampe hinaus – hier muss auch die exzellente Artikulationsschärfe des gesamten Ensembles gelobt werden – machen 54 Neonröhren an der Raumdecke gleißendes Verhörlicht. Andri wirft wieder und wieder Münzen in eine kleine Jukebox-Apparatur, um sich zu den Klängen von „Dream A Little Dream of Me“ sanft zu wiegen. Die Kostüme (Nini von Selzam) kennen keine Farben außer graue Schattierungen, die Senora erscheint in Schwarz. Barblin weißelt schon zu Beginn aus Anlass des Georgstags, zum Schluss auch sich selbst, als Suche nach einer Unschuld, die nicht wieder herzustellen ist, sie ist nur Farbe, wegwisch-, wegwaschbar.

Wenn man „Andorra“ so als Modell spielt, sind alle Personen des Stücks in gleicher Ranghöhe, und es braucht ein Ensemble, das diesen Anspruch erfüllen kann. Am Landestheater Linz gelingt dies mit Clemens Berndorff als Andri und Theresa Palfi als Barblin, mit Christian Higer als Lehrer und Katharina Hoffmann, seiner Frau, sowie Gunda Schanderer als Senora. Horst Heiss spielt den Pater, Markus Pendzialek den Soldaten, Klaus Müller-Beck den Tischler und Jan Nikolaus Cerha seinen Gesellen, Lutz Zeidler den Wirt und Sebastian Hufschmidt den Arzt. Ihm und auch Sven Mattke als „Jemand“ gelingen ganz außerordentliche Profile dieser Frisch-Figuren. Eine meisterliche Miniatur ist die Interpretation des Idioten durch Julian Sigl.

Durch den Umstand der passgenauen Deckung zwischen der Parabel auf der Bühne und der aktuellen österreichischen Realität wird Stephanie Mohrs Inszenierung dennoch eines nicht: moralisch, und das ist sehr gut so. Die verbleibenden Vorstellungen bis 13. März 2018 verdienen sich auch darum Zuspruch bis auf den letzten verfügbaren Platz.

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