Medien

Plädoyer fürs Papier

Das liest sich hier nun wie eine paradoxe Intervention, wenn ich in der digitalen Welt (des Bloggens) fürs Papier plädiere, und zwar jenes der gedruckten Produkte der Zeitungswelt. Man sagt Printmedien gerne tot. Schon allein deswegen muss ihnen ein erfülltes Weiterleben sicher sein.

Mir wurde der hohe Wert des haptisch verfügbaren Mediums Zeitung in den vergangenen Wochen wieder besonders bewusst, und zwar in Folge unfreiwilliger Entbehrung. Ich beziehe, aus Zeitgründen, (nur mehr) ein Samstagsabonnement einer großen, österreichweit erscheinenden Tageszeitung, deren Wochenendausgabe zu meiner fixen Freizeitgestaltung gehört. Fällt die aus, und mit ihr gute Analysen, Hintergrundberichte, Kommentare, Kolumnen (eine Lesefreude, insbesondere die satirischen), gähnt eine Lücke durch mein Wochenende.

Bis vor wenigen Wochen gab es nichts darüber nachzudenken. Das abonnierte Produkt traf am Samstagmorgen so circa um 6:30 Uhr ein. Eine Dienstleistungskoryphäe von einem Zusteller ließ es über den Gangboden zur Wohnungstüre schlittern, das Türblatt bremste die Anreise, der dumpfe Ton (ich schlafe sehr hellhörig) verhieß: Die Zeitung ist angekommen.

Der gute Mann, der hier wirkte, erkrankte, fiel lange aus. Sein Vertreter übernahm nun fix. Und der kann es nicht. Jetzt will ich hier mit Respekt diesem Job begegnen, eine unsägliche Arbeitszeit, und der Wurm, den der frühe Vogel hier frisst, ist finanziell gewiss sehr dünn. Mit verlässlichem Vertrieb steht und fällt allerdings Zeitungsproduktion, erst recht in unserer Gegenwart, in der man gewiss kein Geheimnis verrät, dass die digitale Präsenz von Zeitungen im Internet das Geschäftsmodell digitaler Abonnements nicht in Gang bringt. Mit der Paywall, auch wenn die Mauer zu einer niedrigen Schwelle abgetragen wurde, können Internet-Rezipierende nicht. Dabei liegt es gewiss weniger am Können (es wird ja genug im Internet gekauft), mehr am Wollen.

Meine Samstagszeitung blieb also zuletzt öfters aus, es gab aus dem Kundenservice des Verlags Versprechen und Ansagen, der Zusteller käme noch, bis spätestens – dann wurde eine Uhrzeit genannt. Ich sah den Mann in unserem Stadtteil herumirren. Körpersprachlich spiegelte er alles außer Freude am Job. Meine Zeitung? Ich weiß nicht, wohin er sie brachte. Vor drei Wochen lag mein Zeitungsexemplar dann statt auf der Fußmatte oder im Briefkasten in der auftauende Winterwiese des Vorgartens und das Papier begann seine Schwammwirkung zu leben. Kurzum, das Kundenservice und ich haben für meinen Zeitungsbezug nun den Zusteller entlastet; die Post übernimmt, sie stellt Zeitungen auch samstags zu.

Wenn also auf den Vertrieb kein Verlass ist, wirbt man um den Erhalt von Zeitung als Papierprodukt vergebens. Nie war aber seine Chance größer als jetzt. Immer mehr werden des Internetjournalismus in seiner inhaltlich bescheidenen Ambition des Klick-Sammelns überdrüssig. Aus der eigenen Sozialisation in tagesjournalistischer Arbeit, lange her, lebt in mir das Vertrauen auf Gedrucktes, in dem sich ja ein Prozess von Produktion festigt. Papier ist hier nicht nur geduldig, sondern Garant eines praktizierten Medienrechts, von der Idee an, der Recherche, vom Schreiben, von der Abnahme durch Vorgesetzte über Korrektur zum Druck, zur Auslieferung, zur Lektüre: Die Zeit, die darin steckt, lässt das Ergebnis reifen. Entschleunigung ist das, was die Welt der Berichterstattung und Kommentierung mehr denn je braucht: das Nachdenken, das Entwickeln einer „Geschichte“ (wie man in der Branche zu einem Thema sagt), die kritische Prüfung von Fakten, in Mediengesetzsprache kompakt zusammengefasst – Sorgfaltspflicht.

Papier ist zudem seit eh und je und bleibt für wirklich zu Bewahrendes das beste Speichermedium. Ja, ich gehöre weiterhin zu jenen Zeitungslesern, die ihre Jäger- und Sammlerrolle darin leben, vor dem Abschied des Papierprodukts in sekundäre Verwertung (Altpapiersammlung), mit der Schere für mich persönlich interessante Texte zu sichern. Ich verwahre diese dann sortiert in Mappen und Klarsichthüllen, als Quellenmaterial, manchmal für einen blog-post, manchmal für Schreibprojekte einer nahenden Zukunft, manchmal auch für eine Idee, die sich dann auflöst. Für alle Varianten gilt: Angreif-, bewegbar, gesichert bis hin auch zur Entsorgung ist hierfür Papier für mich allemal besser zu gebrauchen als digital Gespeichertes.

Foto: Pexels/Free Photo Library

2 replies »

  1. Vielleicht liegt die Zukunft generell nur noch in der Samstagsausgabe? Da hat, wer die papierne Lektüre schätzt, am ehesten Zeit zum ruhigen Blättern. Und die Texte können reifen, bevor sie in den Druck gehen.
    Wenn ein Kiosk oder Schreibwarenladen (heißt der bei euch so?) in der Nähe ist, gefällt mir auch die Idee eines samstäglichen Morgenspaziergangs zum Zeitungskauf und Brötchenholen. So wird man unabhängig von der Zustellung.

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