Wenn man das Schauspielhaus des Landestheaters Linz (Oberösterreich) nach „Die Bettleroper“ verlässt, benötigen Ohren und Gehirn (erst recht bei einem Deutschlehrer wie mir) dringend ein paar Sekunden eines Skalierens zurück zur Norm, in Sachen deutsche Sprache.
Denn die Figuren in der Überschreibung von Gays/Pepuschs Werk aus 1728 durch Regisseurin Susanne Lietzow (auch Text) und ihren musikalischen Mastermind Gilbert Handler sprechen ein ihr Milieu auszeichnendes Kauderwelsch, zunehmend lästig dabei: die stete Verwechslung von Dativ und Akkusativ in den Personalpronomen. Und: Harte Konsonanten werden allesamt unterweltgerecht weichgespült gesprochen. „Dumme Bude!“, schimpft Captain Macheath eine seiner Lieben (und meint „Pute“), Polly nennt Peachum „Baba“ und Macheath ist von Molly, die ihn verraten hat, „enddäuschd“.
In diese Aussprachen muss man sich einhören. Falls man überhaupt verstehen kann: Der Abend beginnt mit einem Lied (von Polly, gespielt in ihrer immer ganz eigenen Interpretation zerbrochener Frauenzimmer von Theresa Palfi) und ich verstand von Strophe eins gar nichts. Im Gesang setzt diese Gaunersprache dem Publikum besonders zu, es setzt dann aus. Auch die drei vom Schauspielstudium, die als Chor der Bordsteinschwalben und in ihren Choreografien viel und guten Wirbel in die Show bringen, versagen in ihrem kleinen Solo mittendrin. Keine Ahnung, was sie sangen bzw. ins Publikum brüllten! Es blieb unverständlich, da gehört bitte in der Inszenierung noch nachgearbeitet!
Das Landestheater Linz gönnt sich unter Saisonmotto „So alt wie jung“ also die Übermalung von „The Beggar´s Opera“, Zeitkritik dazumals an der Aristokratie und ihrer korrupten Durchtriebenheit, ein Lehrstück dadurch, dass das System auf den Kopf gestellt worden ist, standesgemäß niedrige Figuren, vom unteren Rand der gesellschaftlichen Ordnung, wurden in das „hohe“ Genre einer „Oper“ gehoben: Verbrecherkönig Peachum samt Familienbetrieb ist natürlich mit der Ordnungskontrolle Lockit geschäftlich verflochten, schlecht ist die Welt und floriert dabei ganz herrlich, etwa in der Szene, wenn die beiden, Frau Peachum dann dazu, die „Bücher“ vergleichen, Diebesware, Personaleinsatz, Personalprobleme, soll man nicht einen eigenen Doktor für die anschaffenden Damen anstellen? Käme günstiger. Wirtschaft sucht halt immer nach Effizienz. Auch das Verbrechen, es bleibt eine Wachstumsbranche. Wen man nicht braucht, beseitigt man, ein hartes Gesetz, in der gewählten Gaunersprache erklingt es allerdings sanft und weich.
Peachum setzt Messerstecher Macheath auf seine schwarze Liste und muss dann ertragen, dass sich das Töchterchen heimlich mit dem verehelicht hat. Aristokratische Heiratspolitik im Reich des Unterweltkönigs, wo der SUV zur Kampfhundehütte wird, im Lebensraum Schrottplatz: Gleich drei Fahrzeuge parkt Ausstatter Aurel Lenfert in seiner Bühnenschachtel unter herabgekommenem Festsaalstuck. Der Alfa dürfte bei einem illegalen Straßenrennen unkontrollierbar geworden sein, nun liegt er auf dem Dach. Das orange Peugeot-Cabrio spielt inklusive aufgeregten Scheibenwischern seine Hauptrolle als Schauplatz für einen lüsternen Liebesakt zwischen Macheath und Lucy. Die Inszenierung lebt von Opulenz in der Ausstattung, Oper eben.
In den Kostümen tobt sich Jasna Bosnjak für das Ensemble aus. Die Haute Couture des ältesten Gewerbes der Welt bestimmt sich in hohen Absätzen, Plateaus, Stiefeln, Strümpfen, Lederimitaten, Plüsch, prominente, gut lesbare Markennamen und überall dort, wo Haut gezeigt wird, Tattoos (da muss vor jedem Abend einiges geklebt oder gemalt werden).
Bei den Herren gefallen Jogginghose und Jacke von Filch oder der fast nach einem Diktator gestaltete Uniformlook von Lockit. Schlicht erscheint der große Held, der Captain, Anzug, weißes Unterhemd, seine Augen sind „smokey“ geschminkt. Er ginge als Punksänger durch, könnte Philipp Hochmair als seinen biederen älteren Bruder ärgern: Benedikt Steiner, dieser grandiose Schauspieler, zieht wieder einmal mit einer fein nuancierten Studie von Macheath sein Publikum in den Bann, und – da ja auch gesungen werden muss, erleben wir neuerlich (wie auch schon von ihm in „Mutter Courage“), was der Mann, da schon einsitzend in seinem Schaukäfig, und seine Stimme hier zu bieten haben! Extrem stark!
Angela Waidmann als Molly muss des Verrats wegen sterben und singt am Rücken liegend eine Todesarie in Höhen hinauf, man würde knien wollen vor diesem großen Kino, das hier auf der Theaterbühne dargeboten wird. Julian Sigl als Filch deutet in seinem Lied vom „König der Gangsta“, der er werden wollte, das Moritatenhafte an, das wir an der Kopie oder Überarbeitung durch Bertolt Brecht, Elisabeth Hauptmann und Kurt Weill zur „Dreigroschenoper“ schätzen gelernt haben; was für ein Auftritt, Handlers Sound dazu; ich würde einen Tonträger zur Produktion gerne besitzen wollen!
Auf Komödiantik in unterschiedlichsten Typenstudien ist bei Klaus Müller-Beck und Katharina Hofmann Verlass, diesmal als Ehepaar Peachum (Müller-Beck in schwarzer Lederhose und einem Glanzkunststoffhemd, das ganz sicher atmungsinaktiv ist; Hofmann in einem Manierismus von Animal-Print im enganliegenden Trikot plus Kunstpelzjacke). Ergänzung finden sie durch die Kolleginnen Palfi und Cecilia Pérez (als Lucy), die bewährt Exzentrik von Frauen in die Bettleroper einbringen. Horst Heiss verwandelte sich wieder einmal in eine Dame der Nachtwelt. Christian Higer tänzelt als Lockit eine wohl Charlie Chaplin gewidmete Sterbesequenz über die Bühne. Sie ist die Buffo-Vorwegnahme zu einer anderen Todesszene zum Schluss, mit der Lietzow eine erstklassige feministische Interpretation zum Frauenschwarm und Macho Macheath trifft, der für seinen Stammhalter vielfach vorgesorgt hat, Schwangerschaftsbäuche werden übrigens zahlreich als Kostümteile in dieser Produktion eingesetzt. Die Rache der durch ihn geschwängerten Frauen erfolgt giftig.
Das Ende kommt zu schnell, nicht einmal 40 Minuten verbringt das Publikum nach der Pause auf seinen Stühlen, Teil eins des Abends hatte klassische Spielfilmlänge (90 Minuten). Irgendwie schrumpft die Oper zuletzt in sich zusammen. So gut die Show war, die Live-Musik vor allem ein großes Fest, irgendetwas scheint zu guter Letzt zu fehlen, selbst wenn (bei der Premiere) großer Schlussapplaus es aufzufangen versuchte.
Bild: Captain Macheath (Benedikt Steiner) im Kreis gewordener/werdender Mütter seiner Kinder – Foto von Philip Brunnader, mit freundlicher Genehmigung des Landestheaters Linz
Kategorien:Theater

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