Soziales Handeln

Gaming Kids

Wie weit sich ein Horizont von Wahrnehmung an einem frühen Morgen öffnen kann, erlebt man im öffentlichen Linienbus an der Generation Alpha. Gemeint sind jene, die nach 2010 geboren sind, hier vorzugsweise jene männlichen Geschlechts, quasi schon mit dem Smartphone direkt neben dem Schnuller aufgewachsen, vielleicht ebenso an einer Kette, damit beides weder aus der Reichweite gerät noch (wörtlich wie übertragen) abstürzt. Denn damit wäre alles aus.

Von ihren großen Schultaschenkästen am Rücken gerahmt besetzen sie heute die Sitzplätze der Busse. Auf einem Doppelsitz erscheinen zwei solche Alpha-Männchen irgendwie wie zueinandergelehnt, die Blicke starr auf die Monitore ihrer Smartphones gerichtet, die Geräte aneinandergedrückt, damit Bluetooth noch besser verbindet, was dort abgeht. Ich lernte den Begriff „e-sports“ und erkenne noch immer nicht den eigentlichen sportlichen Aspekt von körperlicher Ertüchtigung darin. Über Bewegungsradien von Fingergliedern an Steuerungstasten, Kippschaltern, Mini-Joysticks geht dabei nichts hinaus.

„Mit diesem Militär erst eröffnen sich neue Dimensionen!“ Solche Sätze peitschen die, wenn sie vielleicht gerade elf, zwölf Jahre alt sind, durch den Bus. Um sich sammeln sie deutlich ältere Menschen, auch solche, die die Lautsprecherstimme meint, wenn sie ansagt, „dass Sie bitte Sitzplätze jenen überlassen, die sie dringender benötigen.“ Das geht an den lieben Kleinen vorbei, denen in der Kinderstube nicht mehr vermittelt worden ist, was Höflichkeit bedeutet: Aufstehen, Sitzplatz anbieten. Interventionen von Fahrgästen dahingehend bleiben zwecklos, denn Hände (eher Finger), Köpfe, Herzen, Augen sind tief in der Wunderwelt des Computerspiels versunken und somit in der realen Welt nicht mehr erreichbar. Bestenfalls verirrt sich zwischendurch ein kurzer abcheckender Satz, ungehört, unerhört, weil nicht klar wird, wer sich darum annehmen soll, ob für heute nicht doch irgendeine Hausübung hätte erledigt werden sollen. Keine Antwort, das wären falsch investierte Atemzüge. Ein fragmentarischer Dialog dreht sich nur ums Bildschirmflimmern. Arme Alphas!

Zuletzt sah ich an einer Straßenbahnhaltestelle einen von ihresgleichen auf der Wartebank sitzen, natürlich am Handy. Mich faszinierte seine schwarze Strickhaube, besser geschrieben: der Aufdruck vorne an ihr. Eine ganze Stirnpartie umspannend, ja, es erschien wie eine Art textiles Brett vorm Kopf, zeigte die Haube in Gold ein Steuerungselement einer Spielkonsole und darüber den fetten, ebenso güldenen Schriftzug „Gamer“.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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