Eben erfasste sie mich wieder, diese Not. Die Not um die Notbeleuchtung, ihr Wesen, ihre Weise, wie sie montiert worden ist. Seit Jahren hängt sie so, damals (vor langer Zeit) ganz exakt den technischen Anforderungen gemäß montiert. Heute genügt das jüngeren sicherheitstechnischen Ansprüchen nicht mehr. Darum wird es beanstandet. Ein Umbau steht an. Aber wie? Wer bezahlt das?
Es ist ein geradezu österreichischer Mythos, der sich ums Wesen der Notbeleuchtung rankt. Bei einem literatur- wie theaterversierten Gedächtnis wie meinem schlägt dann gleich einmal die Geschichte um die Uraufführung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ bei den Salzburger Festspielen 1972 an. Claus Peymann, der inszenierte, wollte – naturgemäß – gemeinsam mit dem Autor im dritten Teil der Inszenierung die vollkommene Dunkelheit im Salzburger Landestheater – die aber den sicherheitsgebotenen Vorschriften für Theateraufführungen in Land und Staat folgend nicht sein darf. Also: Das Ausschalten der Notbeleuchtung während einer Veranstaltung ist strengstens untersagt! Verständlicherweise! Sicherheit geht vor, muss vorgehen, immer. In Salzburg endete der Zwist damals mit dem vorzeitigen Ende der Aufführungsserie.
Sechzehn Jahre danach verfolgte Regisseur Matthias Langhoff am Burgtheater Wien in seiner Inszenierung von „Ödipus, Tyrann“ von Sophokles in der exzellenten Übersetzung von Heiner Müller die Idee, dem Publikum den Moment der und die Folgen nach der Selbstblendung des Ödipus mit dem szenischen Mittel nahezubringen, dass es im Zuschauerhaus absolut finster wird.
In der Probenphase dazu gingen alle Scheinwerfer aus und die sicher mehr als zwanzig Notbeleuchtungen im Zuschauerhaus ließen weiterhin alles schemenhaft erkennen, wie es für den Notfall einer sicheren Evakuierung immens wichtig ist. Dass mit dem Betätigen des Aus-Schalters für die Notbeleuchtung im Theater kein Staat zu machen sei (gegen dessen Regel, dass Notlichter leuchten), umging man in der Inszenierung erfinderisch. Man engagierte eine riesige Schar Komparsen, die von den Werkstätten der Bundestheater mit Stangen ausgestattet worden sind. An deren oberen Enden wurden passgenaue Schachteln mit schwarzem Samt aufgesetzt, eine Fläche offen. Mit diesem Arbeitsgerät ausgestattet gab es im Verlauf der Inszenierung eine bestimmte Zeit, in der sich die Komparsen durch die Türen von den Foyers in die jeweiligen Zuschauerbereiche einschwindeln durften, ein Schritt, nicht mehr, denn so ein Notlicht leuchtet ja dem Publikum im Notfall die rettende Tür. Darum ist es gleich dort vorzufinden. Jeder Komparse verharrte also, lauschte auf das Stichwort aus dem Mund von Ödipus (Ignaz Kirchner). Dann umfasste man mit Stange und Samtquader das leuchtende Notding, das also eingeschaltet blieb, in seiner Wirkung aber quasi ausgeblendet wurde. Es wurde im gesamten Zuschauerhaus stockfinster. Für jene Minuten bis zu jenem Satz, der das Ende des szenischen Mittels vollständiger Dunkelheit ansagte.
Ich war in der Aufführungsserie dieses „Ödipus“ einer von sicher zwanzig, wenn nicht mehr Komparsen, der der Not mit dem Notlicht für die Kunst der Inszenierung mit Stange und Samt an den Leuchtkörper rückte. Und das sicher mehr als zwanzig Mal, und für damals (und mein Studentenbudget) exzellent bezahlt: Vor jeder Vorstellung erhielten wir die Gage cash, 240 Schilling (heute: ca. 17 Euro, das klingt zwar bescheiden, war aber 1988 für mich und die Kolleginnen und Kollegen eine Menge Geld.)
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