Literatur

Ich habe alles von Thomas Bernhard

Es gibt Ereignisse, da erinnert man sich genau, wo man war, als sie geschehen sind und wie die Information darüber einen erreichte. Am kommenden Dienstag vor exakt dreißig Jahren etwa, da verbrachte ich mit Kolleginnen und Kollegen des Studentenheims in der Boltzmanngasse in Wien einen Schiurlaub in Sulzberg im Bregenzerwald. An diesem Tag mühten wir uns bei dichtem Schneetreiben über die Pisten von Alberschwende, hatten immer nur Sichtkontakt von einer Pistenmarkierung zur nächsten (da gab es noch diese Art von „Rosenkugeln“, die mit roter bzw. grüner Hälfte signalisierten, ob man sich außer- oder innerhalb der Piste befindet).

Am Abend dann beim kollektiven Informationsupdate vor der „Zeit im Bild 1“ erfuhren wir von Thomas Bernhards Tod.

Das traf uns. Denn einerseits führte die Ära Claus Peymann am Burgtheater Wien uns kulturinteressierte Studierende (quer über alle Fachrichtungen, Medizin, Wirtschaft, Geisteswissenschaften) in viele exzellente Inszenierungen von Bernhards Dramen, zuletzt wurde am 4. November 1988 „Heldenplatz“ uraufgeführt. Für die Premiere stand ich stundenlang in einer Warteschlange für eine Stehplatzkarte, schlussendlich vergeblich. Dafür gab´s vor dem Burgtheater die Show mit der Mistfuhre und Tage später dann in einer Repertoirevorstellung Wolfgang Gasser als Professor Robert Schuster mit seinen Suaden über Österreich und den nationalsozialistischen Sumpf, in dem das Land steckt. Uns Studenten bewegte auch das Theater rund um die Inszenierung, die Empörungstsunamis, wie sie durch Medien und Wiener Öffentlichkeit schwappten. Bernhard hielt den Finger auf den österreichischen Schmerzenspunkt. Und drückte auf diesen.

Mit seinem Tod hob sehr unmittelbar eine Debatte an, in der es darum ging, den österreichischen Reflex auszuschalten, der dem verstorbenen Künstler bedingungslos huldigt, natürlich mehr, als man ihm zu Lebzeiten an Anerkennung und Würdigung gönnen wollte. In den wenigen Wochen zwischen seiner Annahme der Ovationen und Buh-Chöre bei der „Heldenplatz“-Premiere im Burgtheater und seinem Tod erlitt Thomas Bernhard viel Schmach. Sein Halbbruder betrieb darum eine Sperre seiner Bühnenwerke für Aufführungen in Österreich. Mich Germanistikstudenten versetzte dies in Panik, denn ich befürchtete, dass es nicht allein bei dieser Entscheidung bleiben wird, sondern möglicherweise auch dazu kommt, dass Bernhards Prosawerk vom österreichischen Buchmarkt genommen wird.

Darum ging ich einkaufen. Ich traf eine individuelle germanistische Sicherungsmaßnahme und investierte von hart verdientem Ferialjobgeld circa 2.000 Schilling (ein Vermögen für einen Studenten 1989, bitte! Heute ca. 145 Euro) in eine Auffüllung des Bernhard-Oeuvres in meiner Privatbibliothek in Gestalt von zwanzig Taschenbüchern. Dazu klapperte ich alle Linzer Buchhandlungen ab, denn auf Bestellungen und etwaige Nicht-Mehr-Lieferungen wollte und konnte ich mich nicht einlassen.

Ja, ich habe alles von Thomas Bernhard. Ich lese auch gerne immer wieder in seine Prosa und Dramen hinein. Ich gebe zu, dass ich mich im vergangenen Jahr an einer vollständigen Wiederlektüre des Romans „Holzfällen“ versucht habe und daran gescheitert bin. Ein Skandal war dieser Roman bei seinem Erscheinen, mit heutigen Augen geprüft wirkt er seltsam historisch entrückt.

Ich habe alles von Thomas Bernhard, denn für mich gehört er fest zum österreichischen Kanon der Literatur des 20. Jahrhunderts. Für mich, für einige andere auch noch. Am vergangenen Mittwoch, im Rahmen eines mündlichen Parts einer Berufsreifeprüfung (ich als Vorsitzender, eine liebe Kollegin als Prüferin im Fach Deutsch), ging es ums Lesen und um Kanon. Die Kollegin bringt den nun unmittelbar bevorstehenden 30. Todestag (12. Februar) Thomas Bernhards ins Prüfungsgespräch ein. Die literarisch wirklich gut bewanderte und sehr schön reflektierend argumentierende Kandidatin brachte ihr Bedauern zum Ausdruck, von diesem Autor noch nie etwas gehört zu haben.

Wir sahen es ihr nach. Das mussten wir. Nicht allein, weil es ohne Relevanz für die Prüfung selbst gewesen ist. Sondern weil wir wissen und uns selbst eingestehen müssen, dass es Thomas Bernhard wohl doch nicht in die Ewigkeit literarischer Rezeption geschafft hat. Bitter. Aber wahr.

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