Mit Arthur Schnitzlers „Liebelei“ bei den Salzkammergut Festwochen Gmunden (Oberösterreich) gehen wir in Runde drei der von der ehemaligen Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann kuratierten Eigenproduktionen der Festwochen. Dies geschieht immer in Kooperation mit einer österreichischen Bühne, die die Produktion dann im nachfolgenden Herbst in ihren Spielplan nimmt: Nun das Landestheater Linz (ab 25. Oktober 2024), nun wieder Schnitzler in Gmunden, nach „Reigen“ vor zwei Jahren und Shakespeares „Sturm“ im vergangenen Sommer.
Ich sah die Premiere am vergangenen Donnerstag, online tauchten am späteren Freitagnachmittag erste Theaterkritiken auf, bei denen ich inhaltlich nicht mitgehen kann. Denn die Inszenierung zeigt meiner Meinung nach zwei Problemfelder auf.
Erstens: Die Besetzung von Fritz und Theodor. Ich schiebe ein, was ohnedies alle von mir kennen – meine Hochachtung vor Menschen im Schauspielberuf. Nur meine ich, dass hier in der Besetzung ungeschickt vorgegangen worden ist. Die beiden sind Freunde, beruflich beim Militär, eine Bubenpartie, wenn man so will. Sie spielen mit den Frauen und mit den gesellschaftlichen Usancen, mit Risiko, dieses kommt aus dem Überdruss am Leben. Mit Alexander Julian Meile zählt Fritz aber einige Jahre mehr als Theodor (Jakob Kajetan Hofbauer), während Markus Ransmayr als „Der Herr“ viel besser als Fritz zu Theodor passen würde. Wie überhaupt ich hier einmal feststellen möchte und muss: Ich genieße die feine Spielart von Markus Ransmayr und erachte ihn am Landestheater Linz darin zurzeit viel zu sparsam besetzt.
Zweitens: Der Inszenierung lief die Ansage voraus, Regisseurin Anna Stiepani werde mit weiblichem Blick alle Figuren aus den Fängen des Patriarchats, und von dem steckt in Schnitzlers „Liebelei“ reichlich, herausarbeiten und die verwundbaren Seiten von Frauen und Männern zeigen. Dieser Auftrag an sich selbst löst sich für meinen Rezeptionsanspruch in den 90 Minuten der verknappten Fassung von Joachim Lux so überhaupt nicht ein. Dann wenn Christine sich im Freudentanz über ihre Liebe zu Fritz, die der Liebelei des gemeinsamen Abendvergnügens entsprungen ist, ausdrückt, liegt ein Song über der Szene, in den lyrics die markante Zeile „I am a victim“, wiederholt. Springt da nun etwas in den szenischen Mitteln an, das den Protest gegen das patriarchale Programm von Schnitzlers „Liebelei“ artikuliert? Leider nein, es versickert wieder in bravem Dialogspiel ohne irgendwelche wirklich überzeugenden Ideen, staubiger Schnitzler und langwierig wird es dann, ja, -wierig, nicht -weilig. Dass Christine zum Schluss einmal vom „fucking Duell“ spricht, ist vielleicht ein Vokabel, das ins „Liebelei“-System schneidet wie ein Seziermesser, aber es macht halt nichts aus oder her, auch wenn Lorena Emmi Mayer Christine so genial spielt, geradewegs mit ihrem Furor, in dem die Inszenierung endet.
Die Damen, Cecilia Perez (Mizi) und Gunda Schanderer (Katharina Binder), fallen überhaupt durch mehr Konturenreichtum in ihren Rollen auf als die Freunde Fritz und Theodor. Stark für sich in wenigen Minuten dieser einen Szene: Markus Ransmayr als „der Herr“, der Fritz Satisfaktion im Duell abfordert. Samuel Finzi ist Samuel Finzi (Vater Weiring), so wie wir ihn aus Film und Fernsehen kennen und schätzen.
Das Bühnenbild spielt mit einem transparenten Rundhorizont in Klimt-Musterung, Dahinter erwarten alle Figuren ihre Auftritte, Die Kostüme verbinden sich entweder mit der Entstehungszeit oder übersetzen diese verschmitzt in unsere Gegenwart, etwa im floralen Muster von Theodors Hemd (Ausstattung: Thurid Peine). Fritz und Vater Weiring spielen Klavier und letzterer singt ein Gedicht von Elfriede Jelinek (Bühnenmusik: Joachim Werner). Alles gut geübt, aber mir öffnete sich dadurch nichts. Ich habe mich intensiv mit Schnitzlers Werk auseinandergesetzt und mich auch eingehend mit Interpretationen beschäftigt, die mir wirklich Eindruck gemacht haben.
Kenne ich meinen Schnitzler zu gut, dass hier keine Inspiration zu holen war? Kann sein. Ich verließ das Stadttheater Gmunden enttäuscht.
(Für aufmerksame Leserinnen und Leser meines Blogs – dieser Sommertheaterbesuch war meine vor zwei Wochen ausgeführte „Ausnahme“)
Foto: Die Liebesbriefe, die Fritz der Frau „des Herrn“ geschickt hat, fliegen in sein Leben zurück, damit ist Satisfaktion gefordert – Markus Ransmayr und Alexander Julian Meile – copyright by Rudi Gigler, mit freundlicher Genehmigung der Salzkammergut Festwochen Gmunden. Der Titel des blog-posts zitiert eine Textzeile aus „Liebelei“.
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