Theater

Zeremonie über unsere Versuchungen

Das Kostümzitat zu Beginn überzeugt. Ausstatter Korbinian Schmidt kennt „Eyes Wide Shut“ von Stanley Kubrick (1999), seinen letzten und einen wahrlich großen Film, in dem er Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ in eine Gegenwart zieht, mit Tom Cruise und Nicole Kidman als Ehepaar Bill und Alice Harford auf dem Prüfstand. Bill befindet sich auf der Suche nach sich selbst, er erkundet sich, sein „Es“, würde Sigmund Freud sagen, also das Triebleben. Ein Losungswort verschafft ihm Zugang zu einem Schloss und einer Zeremonie. Schwarze Capes mit Kapuzen, so über die Köpfe gezogen, dass man die Gesichter der Menschen nicht erkennen kann, das tragen sie dort bei einer Art Messe, die sich in ein wildes sexuelles Treiben entwickelt.

In der „Reigen“-Interpretation von Regisseur Franz-Xaver Mayr zieht das Ensemble, so wie es mit diesen Capes und den Kapuzen aus dem Orchestergraben in den weißen glatten Würfel auf der Bühne einsteigt, diese als Text 126 Jahre, auf ihre skandalöse Uraufführung bemessen 102 Jahre alte Geschichte in unser Heute. Transformation steht als Leitprinzip über dem Textmaterial, das nun entstaubt wird. Das muss man tun: Mit den zehn Begegnungen zwischen Mann und Frau, diesem szenischen Rondo, in dem stets eine Figur in die nächste Szene weitergeht, ist sonst nichts mehr auf dem Theater zu machen. Natürlich geht es immer und auch weiterhin ums Begehren, sprachliche Verführung, ums Kokette, um Andeutungen bis zur deutlichen Undeutlichkeit, im Druckbild der „Reigen“-Textausgaben mit den berühmten Strichen dargestellt.

Mayr, 1986 in Hallein geboren, mit beachtenswerten Regie-Arbeiten an renommierten Schauspielhäusern im deutschen Sprachraum zu Hause (zuletzt etwa auch Thomas Bernhards „Heldenplatz“ in Graz) lädt uns zu Arthur Schnitzlers „Reigen“ als Zeremonie über unsere Versuchungen ein. In einer Gegenwart von Gesellschaft mit fluiden Geschlechtsrollen, in der jede und jeder lieben darf und kann, wen und wie sie und er will, kennt die Rundreise natürlich gleichgeschlechtliche Begegnung, heimlich gelebtes Outing, offene Ehe, es geht um Bedürfnisse, Begehren, Befriedigung, letztere ohne heftig zueinander bewegte Becken, wohl auch schon ein Gestus auf Bühnen, mit dem sich das Publikum übersättigt hat. Im Zeremoniell setzt Mayr darum auf so etwas wie ein Tableau vivant, mehr als Andeutung, ekstatisches Einfrieren. Wirklich ein Lustgewinn? Die Antwort auf diese Frage bleibt wohl ganz bewusst offen.

Es sind die Männer (ganz großes Schauspiel von Tim Breyvogel als Alfred oder Graf und Sebastian Wendelin vor allem als Karl), die markanter in ihrem Leiden an den eigenen Bedürfnissen gezeichnet hervortreten als die Frauen. Bei Mayr sind sie das stärkere Geschlecht, etwa in der Emma von Marthe Lola Deutschmann. In den Anordnungen von Versuchung teilen sich Figuren. Dann spielt Paarung über eine dritte Figur, für ein Umspringbild zwischen Hetero- und Homosexualität, Alfred tut es mit Frau und Mann als zwei Seiten einer Figur. Die Szene endet mit dem Wechsel des männlichen Parts an Alfreds Seite, während der weibliche abgeht.

Theater kann als Medium der Analyse viel. Es thematisiert sich in der Inszenierung auch selbst, zeigt Szenen, als wären es Probeabläufe zwischen Schauspielerin und Schauspieler, man spielt, dann Abbruch, Neustart eines anderen Spiels, nicht mehr mit ganz gleichem Text, nun ist der Dialog verknappt. Die Beziehung der Figuren zeigt eine weitere, eine neue Facette. In dieser Form eines Philosophierens über das zwischenmenschliche Begehren gehört dann konsequenterweise der Figur der Schauspielerin (Dorothee Hartinger) allein die Macht, mit kurzen Befehlen die Bühnentechnik zu steuern. Nur dann öffnet sich die hintere Wand des Kubus, um die Teilnehmenden am Rondo über die (körperliche) Liebe zu entlassen. In knapp zwei Stunden, die viele Feinheiten bereithalten, im Sprechen, im Kostüm, in der Gestik, geht man durch einen Schnitzlerschen „Reigen“, wie man diesen 2022 lesen und spielen muss. Das nimmt das Publikum ganz wunderbar ein!

Seit gestern Abend ist die Inszenierung nun am Stammhaus des Landestheaters Niederösterreich in St. Pölten mit der zweiten Premiere angekommen. Meine Beobachtungen und Gedanken beziehen sich auf dieses Geschenk von einer Premiere am 23. Juli 2022 im Stadttheater Gmunden (Oberösterreich). Die Produktion entstand nämlich in Zusammenarbeit mit den Salzkammergut Festwochen 2022.

Foto: Marthe Lola Deutschmann, Tim Breyvogel und Jonas Graber in „Reigen“ – Copyright by Rudi Gigler/mit freundlicher Genehmigung der Salzkammergut Festwochen

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