Wie ist es um eine Wut bestellt, die sich in einer Ausstellung konserviert zeigt? Verliert Wut dadurch nicht ihr Wesen? Nun gut, über Monitore in einem Raum, neben der Nachbildung jener Gefängniszelle, in der Nadya Tolokonnikova, Gründerin des feministischen Kollektivs Pussy Riot zwei Jahre verbringen musste, flimmern Dokumente, die die Bewegtheit des Protests aus der Vergangenheit hereinholen, zwischen Dokumentation und künstlerischer Performance. Besonders stark empfinde ich darin das Video mit der Künstlerin in der Badewanne, Blut rinnt oder tropft ihr übers Gesicht. Jacques-Louis Davids „Marat“ liegt schon tot in der Wanne. Bei Tolokonnikova fließt Blut, auch ab durch den Abfluss der Wanne. Im blutigen Widerstand lebt der feministische Protest aber weiter: Er bzw. die Frau lässt sich nicht umbringen.
Im Offenen Kulturhaus Linz (Oberösterreich), nun seit einigen Jahren integriert in eine Kultur-GmbH des Landes Oberösterreich, also öffentliche Hand, die alles an bildender Kunst, Kunstgeschichte, Sammlungen an verschiedenen Orten umfasst, nimmt sich die Ausstellung „Rage“ fremd aus. Ist der Ort nicht zu sehr Institution und nimmt er darin und dadurch nicht der Wut ihre Kraft? Diese starke Wut einer durch und durch politischen Kunst, die auf der Straße, in der Kirche („Punk Prayer“, Februar 2012) zu Hause ist? Aktionismus sucht an sich die Intervention am bestens dafür geeigneten Ort. Nachgestellt wird es Geschichtsschreibung, Rückblick, rationalisiert nachvollziehbar zwar. Was kann das dann (noch)?
Im schon benannten Raum (Gefängniszelle, Monitorwand, eine Serie von „knives“ in Plüsch) wirkt der Mitschnitt aus dem staatlichen russischen Fernsehen, als dort in einer der vielen politischen Talkrunden der „Punk Prayer“ aufgearbeitet worden ist, im Mienenspiel aller Akteure an sich als Dokument beredt. Nach einer langen komplizierten, die Aktion in ihrem Bezeichnen vermeidenden Moderatoreneinleitung ist es (so glaube ich, ihn richtig erkannt zu haben) Dimitri Medwedew, der es dann mit (englisch untertitelt) „a sin is a sin“ quittiert. Pussy Riot verging sich nicht am russisch-orthodoxen Glaubensleben, sondern zugleich am ganzen Staat. Putins Russland ist eine Religion.
Ins Erdgeschoss des Offenen Kulturhauses baute Nadya Tolokonnikova eine „Rage Chapel“, kalligraphierte Kreuze und Bilder im Stil der orthodoxen Ikonographie. Dahinter läuft über eine große Leinwand das Video „Putin´s Ashes“ (2023). Es zeigt zwölf Frauen aus der Ukraine, Weißrussland und Russland (mit den mit roten Hauben maskierten Gesichtern, alle im kleinen Schwarzen, ob Kleid oder Unterkleid, und mit schwarzen Stiefeln) im Vollzug zuerst einer Prozession und dann eines Feuerrituals. Die Frauen verbindet die Erfahrung der Repression und Aggression durch den russischen Präsidenten. Sie verbrannten in einer Wüste ein großes Porträtbild Putins und füllten Flakons mit Asche davon in unterschiedlicher Menge (10 bis 100 Gramm) ab. Drei davon stehen in der Mittellinie des Raums in Vitrinen.
An diesem Mittwoch Ende Juni, als ich mir die Ausstellung ansah, in einer Zeit zudem, in der in den Büchern, von denen ich immer mehrere parallel lese, mir auch „Russland von innen“ der beiden ehemaligen ORF-Korrespondenten in Moskau, Paul Krisai und Miriam Beller, die schwierigen Rahmenbedingungen von journalistischer Arbeit in Putins Russland nahebrachte, öffnete ich abends zur Orientierung über alle Tagesereignisse im Internet orf.at: Da sah ich, dass nun auch Carola Schneider, Leiterin des ORF-Büros in Moskau, des Landes verwiesen worden war. Spiegelmaßnahme heißt das ganz salopp, Russland reagierte auf die Ausweisung von TASS-Korrespondenten aus Österreich.
Das, was dieses System spielt, umfasst auch uns, manchmal sichtbarer, manchmal noch nicht, manchmal direkter, manchmal vermittelt. Es verändert uns. Die Wut ist ein Ventil, zu beiden Seiten, sie lässt zwar Druck ab. Nur löst das noch lange nichts.
Die Ausstellung „Rage“ ist bis 6. Jänner 2025 zu sehen.
Foto: Rage Chapel, Copyright by kunst-dokumentation.com/Manuel Carreon Lopez, mit freundlicher Genehmigung des Offenen Kulturhauses Linz
