Medien

Jetzt trägt jede und jeder was bei

Ich gehöre seit bald einem Jahr zur community der Netflix-Abonnent:innen. Lang habe ich mich gewehrt, die Tochter drängte, ich argumentierte mit fehlender Zeit fürs Streaming. Der Umstand, dass dann die Neuverfilmung von „Im Westen nichts Neues“ auf Netflix herauskam, brach den Damm meiner Verweigerung. Seitdem bin ich bekennender Netflixianer, verfiel Serien wie „Lupin“ oder „Kaleidoscope“, sah Scorseses „The Irishman“, zuletzt auch Esmails „Leave The World Behind“ und sichere mir auf „meine Liste“ auch Filme, die man einfach gerne einmal wiedersieht, etwa „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ oder „Das Leben des Brian“.

An mir beobachtete ich, dass ich seit bald zwölf Monaten Netflix im Angebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, für den ich brav meine Gebühren bezahle, die Fernsehunterhaltungsware nicht mehr benötige. Warum auch? Was der Österreichische Rundfunk (ORF) bietet, hat überdeutlich den Wiederholungsaspekt, der – zugegeben! – auch dem Streamingdienst nicht fremd ist. Im ORF macht er sich aber einschlägiger breit, deutlicher gesagt: langweiliger.

Kalendarisch ist prognostizierbar, was wann wiederkehrt. An diesem Wochenende, wenn sich die Gladiatoren des Schirennsports über die Streif in Kitzbühel hinuntergeworfen haben, naturgemäß „Streif – One Hell of a Ride“ aus der Red-Bull-Medienmanufaktur oder die Bulle-von-Tölz-Folge (ja, die Serie läuft im ORF immer noch) „Tod am Hahnenkamm“. Einmal im Jahr flimmern „Ziemlich beste Freunde“, alle Folgen der Eberhofer-Krimis und für die Zielgruppe aller ausgebildeten und quereingestiegenen Lehrenden im Schulsystem Cameron Diaz als „Bad Teacher“ über den Schirm.

Ich muss schon sehr intensiv forschen, um zu entdecken, dass ich seit Februar 2023 (als ich den Netflix-Account anlegte) genau dreimal zur ORF-lichen Unterhaltungsware griff, die Tatort-Folge „Murot und das Paradies“, die von mir im Kino vor zwei Jahren versäumte Verfilmung von Agatha Christies „Tod auf dem Nil“ von und mit Kenneth Branagh und „Schluss mit lustig! Der satirische Jahresrückblick 2023“, nach dessen „Genuss“ so ein schaler Nachgeschmack blieb, dass dabei wirklich mit lustig Schluss gemacht worden war.

Natürlich fiel mir auf, was mir im ORF fehlte, etwa eine Neuproduktion zum 50. Geburtstag des grandiosen Schauspielers und endlich nach Salzburg als Jedermann engagierten Philipp Hochmair (der ORF wiederholte „Blind ermittelt“-Folgen aus den Jahren). Und im Kulturauftrag blieb das Unternehmen bitter säumig, dem im Dezember verstorbenen Filmregisseur Wolfgang Glück mit mehr zu gedenken als mit nur einem seiner zahlreichen Filme spät nachts im Programm („38 – Auch das war Wien“), aber warum nicht auch „Der Schüler Gerber“ und einige seiner wesentlichen Verfilmungen österreichischer Literatur der Wende ins 20. Jahrhundert?

Ich brauche das ORF-Fernsehen nur noch für die Teilhabe am Sport (in dieser Jahreszeit schwerpunktmäßig Biathlon und Nordische Kombination) und für Information. Dafür zahle ich seit Jahresbeginn allerdings nicht mehr die GIS-Gebühr (GIS steht für Gebühren Info Service), sondern den OBS-Beitrag (OBS steht für ORF-Beitrags Service). Per Gesetz wurde auf Haushaltsabgabe umgestellt und die Werbetrommel gerührt, es käme nun den Haushalten, die bisher schon bezahlt hätten, günstiger. Die anderen, die sich bisher entzogen hatten, werden nun in die Gemeinschaft der Zahlungspflichtigen eingetreten (ja, hier bewusst Passiv!). Übrigens mit herrlich paradoxen Radiospots in den Programmen des ORF, die sie bisher ja nicht hörten, in denen aber die Aufforderung erging, sie mögen sich doch bitte zu OBS anmelden, um nun zu zahlen.

Hinter dem Wechsel stehen nicht nur eklatante finanzielle Schwierigkeiten des Unternehmens, sondern auch andere Widersprüchlichkeiten, etwa die schon bisher vollkommen freie Konsummöglichkeit von ORF-Ware per Stream, unabhängig davon, ob man Gebührenzahlende/r war oder nicht. Dass mit der neuen gesetzlichen Regelung allerdings die „blaue Seite“, gemeint das Portal orf.at, primäre Informationsquelle des Landes (Betonung auf Information wegen wirklich dort soliden gepflegten Journalismus), derart ruiniert werden musste wie geschehen, ist skandalös! Vom Verband österreichischer Zeitungen (VÖZ) angeblich betrieben soll hier dem ORF der Textjournalismus abgegraben werden, Argument: „Print-“ im Sinn von geschriebenem Journalismus wäre nicht Kerngeschäft des ORF. Das möge die Leute mehr zu den nicht immer Objektivitätsgeboten folgenden Internetpräsenzen österreichischer Zeitungen und dabei zum clickbaiting (Klicks sammeln statt seriös berichten) lenken.

Für diese inhaltliche und optische Beschädigung von orf.at zahlt nun jeder Haushalt (auch). Für den Titel dieses blog-posts nahm ich frech Anleihe bei einer Kampagne für andere Pflichtbeiträge, konkret den Kirchenbeitrag der römisch-katholischen Glaubensgemeinschaft. Für mich sind Ähnlichkeiten offensichtlich: Jede/r muss zahlen, unabhängig von einem Einverständnis mit allen Dingen, die da vorgehen.

Foto: Pexels/Free Photo Library

2 replies »

  1. Lieber Peter,
    wie immer lese ich deine Texte mit Neugier und zumeist begeistert.
    Auch heute den zu GIS und OBS – mit einer einzigen Ausnahme, du kannst es dir denken. Vielleicht nicht nur deshalb, weil ich jetzt Pfarrer im Ruhestand und meiner kleinen Evangelischen Kirche A.B. in Österreich immer schon und auch in nicht „aktiver“ Zeit (du weißt, Stichwort Bildungsmanagement in Sachen Gender und Diversity) von Kind auf verbunden war und bin. Der einkommensgebundene prozentual berechnete, bezüglich der Vorschreibungshöhe eh zumeist viel geringer ein-„geschätzte“ Kirchenbeitrag als freiwillige (!) finanzielle Ermöglichung der entsprechenden – auch gesellschaftlich relevanten – Aufgaben ist m. E. das gerechteste Solidarsystem, auch wenn wir es dem Paradeverbrecher des 20. Jahrhunderts, A. H., zum Zweck der Aushungerung der Kirche/n zu verdanken haben.
    Zu gesellschaftlich relevanten Aufgaben nur ein Ausschnitt meiner beruflichen Tätigkeiten: Jahrelang, ja Jahrzehnte lang, gehörte zu meinem kirchlichen Amtsauftrag, gleich dem zahlreicher Kolleg*innen (Pfarrerinnen und Pfarrer), die seelsorgerliche Betreuung der Insassen von Gefängnissen, bei mir waren das die Justizanstalten Eisenstadt und zuletzt Hirtenberg; von den zahlreichen Menschen, die sich seelsorgerliche und praktisch-soziale Betreuung wünschten und auch bekamen, gehörten nur ganz ganz wenige „meiner“ Kirchengemeinschaft an.
    Irgendwie sehe ich den ORF-Beitrag unter ähnlichem Blickwinkel, also bei-zu-tragen, zu ermöglichen.
    Dass es beim ORF-Thema am „Mitbestimmen und Mitgestalten“ krankt, ist mir schmerzhaft bewusst, weil ich das in meiner basisdemokratischen (Wahlen, Gremien, one man – one vote, …) Evangelischen Kirche so NICHT kenne, im Gegenteil.

    Beste Grüße,
    Otmar

    P.S.: … freu mich schon aufs nächste Nosing Around

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