Wer hätte das gedacht? Nein, schon gar nicht ich über mich selbst. Ich finde Gefallen am distanzmäßig betrachtet reduzierten Pendeln in öffentlichen Verkehrsmitteln. Die „long distance“, also wirklich vom Hauptwohnsitz bis zum Ort des Berufs, ist im Fahrplan erschreckend unterentwickelt und darum nicht realisierbar. Seit der wichtige Verbindungstunnel in die Stadt wegen Sanierung geschlossen ist, bringe ich mich selbst zuerst an die Peripherie der Stadt, in knappem Abstand zum Südportal des Tunnels, etwas davor liegt ein Bahnhof. Von dort verkehre ich in acht Minuten per S-Bahn oder Regionalexpress zum Hauptbahnhof von Linz (Oberösterreich), von dort in bestenfalls nur zwölf Minuten weiter zur Schule. Was daran praktisch ist, liegt im Umstand, diesen Part des frühen Morgens noch leicht dösend zu verbringen, im Kopf schärfen sich die Pläne für den heutigen Arbeitstag. Am Abend lässt sich während der Fahrt der Arbeitstag reflektieren und bilanzieren.
Ich war früher gerne Pendler per Bahn in die Landeshauptstadt, abgewöhnt habe ich es mir zu Zeiten der Pandemie. Heute finde ich deswegen erst recht wieder oder sogar noch mehr unerträglich, wie sorg- und rücksichtslos so mancher Fahrgast lautstark in die Waggons oder den Bus hustet. Die zugehörige Etikette (in die Ellbeuge!) hat er längst vergessen (falls überhaupt einmal beherrscht). Ich habe derlei Fehlverhalten so internalisiert, dass es in mir Fluchtreaktion auslöst, einen Sicherheitsabstand weit. Mit Glück hustet dort dann niemand herum.
Generell ist das Leben in den Öffis in den Jahren meiner Abwesenheit von ihnen eintönig geworden. Ich gehöre zur seltenen Spezies, die sich entweder im Blick nach draußen verlieren kann, den Perspektivenwechsel schätzt, das Landschaftskino während der Bahnfahrt, in ihm beispielsweise Graffiti. Ich suche die Verwandtschaften der verschiedenen gesprayten Bilder. Ich versuche, Zugehörigkeiten zu einer Künstlerin oder einem Künstler zu erkennen, ihre oder seine Handschrift. Ich studiere die Gebäudekulissen meiner Busfahrt, den eigentlich schönen Stil von Bürgerhäusern des 19. Jahrhunderts in der Stadt Linz. Die meisten sind verkommen, zerfressen ihre Fassaden, jahrzehntelang waren sie Abgasen ausgesetzt. Die Politik der Stadt hat die entsetzliche Leidenschaft entwickelt zu protegieren, dass heruntergekommene Spuren von Baugeschichte rasch geschleift und durch anonyme Baumeister-Architekturen in hochgestellten Quadern (gerne auch im Wolkenkratzer-Format) aus Beton und Glas verdrängt werden. (Bau)Kulturverlust, Identitätsverlust. Wie wird man in Zukunft darüber berichten? Jammern, nachtrauern, loben? Den Verantwortlichen Kränze flechten, nicht der Ehre, sondern des Verrats an der Stadtgeschichte? Oder: Das ist mein zweites Programm für die vierzig Minuten des Befördert-Werdens pro Richtung, Lesen. Reclam, bestes Sakkotaschenformat, zurzeit „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist, weil ich meine Gedanken gerade wieder einmal in einige Schleifen zum Thema Gerechtigkeit(sempfinden) lenke.
Interaktiv, ob verbal (Smalltalk) oder non-verbal (Blicke, Lächeln), ist das Leben in den Öffis längst nicht mehr. Eher nur noch gruselig: Denn der dominante Gestus der Passagiere – ob alt, ob jung, ob Frau, Mann, andere Geschlechter, Anzugträger oder kurzbehost, verschwitzt oder hyper-parfümiert, einen E-Scooter mit sich schleppend oder mit einer riesigen Schultasche auf schmächtigen Kinderschultern und viele andere mehr – ist der: Jede und jeder versinkt mit starrem Blick und wischendem Daumen im Bildschirm ihres oder seines Smartphones.
Foto: Temporär sich aneinanderschmiegende Busse der Linz AG Linien unter meinem Bürofenster, entdeckt während des pandemiebedingt intensivierten Lüftens im November 2021.
Kategorien:Mobilität, Raum & Architektur

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