Klima

Darum darf auf dem Kopf nicht sein

Zwar erschien es wie ein frühzeitiger Aprilscherz, war aber keiner. Mitte der vergangenen Woche verbreitete die Künstlerin selbst das an sie gerichtete Absageschreiben von FridaysForFuture (FFF) Hannover für einen Auftritt beim „earth strike“ gestern Freitag. Grund: die Dreadlocks der Ronja Maltzahn, sie ist Musikerin, spielt Cello, Gitarre, Ukulele und Piano, ihr Verlag ordnet ihr Schaffen als World Pop ein.

Ich vermisse eine bisher ausgebliebene Reaktion auf einen ganz wesentlichen Aspekt dieses Schreibens. Ins Treffen führen die FFF-Organisatoren den Umstand einer „kulturellen Aneignung“, cultural appropriation, wie diese Strömung einer zu überhöhter Scheinmoral verdrehten Denk- und Handlungsweise in Amerika heißt, ein gesteigerter Wiederkehreffekt von political correctness, ein paar Schraubendrehungen schräger, so wabbert dies schon einige Zeit durch die Gegend, wie immer auch von Amerika nun nach Europa. Braucht man´s wirklich? Ich würde meinen, Verzicht wäre angebracht, unsere Gegenwart fordert uns mit anderen Problemen genug.

Im konkreten Fall geht es um eine Frisur, die einer bestimmten Weltbevölkerungsgruppe vorbehalten bleiben soll, die Unterdrückung erlitten hat oder auch weiterhin erleidet, wodurch in der ebengleichen Verwendung die Anmaßung verstanden wird, weder Verständnis für dieses Leid aufzubringen noch diesem Leid selbst ausgesetzt zu sein, es zu spüren und zu erdulden. Darum darf auf dem Kopf nicht sein, wie bei Ronja Maltzahn das Haar gestaltet ist. Jetzt zeigt der Blick in die Geschichtsbücher, dass diese Form von Frisur, Dreadlocks, nicht ausschließlich jene Provenienz hat, die hier FFF Hannover ins Treffen führt, um wenige Tage vor dem „earth strike“ der Musikerin ihren Auftritt abzusagen. Auch darum ist die Argumentation schon zweifelhaft genug.

Seit allerdings der mediale Hype um diesen Absagebrief läuft, nimmt niemand Stellung zu dem wirklich herabwürdigenden Ton, in dem dieser verfasst ist. Das Organisationsteam aus Hannover maßregelt die Künstlerin unverfroren, nicht nur in der Belehrung, wie sehr die Veranstaltung auf ein antikolonialistisches und antirassistisches Narrativ setzt, warum der Auftritt Maltzahns „nicht vertretbar“ ist. Übergriffig wird man in jenen Sätzen, dass man der Hoffnung Ausdruck gibt, „dass du dich damit auseinandersetzt und wir bieten dir an, bei Bedarf in den Tagen nach der Demo diesbezüglich in einen Austausch zu gehen.“

Den verrückten Vogel (bringt die Klima-Erwärmung schon so viel Hitze in die Köpfe der Veranstalter von Demos gegen den Klimawandel, dass Denken aussetzt!) schießen die Schreiberlinge der Absage aber da ab, wenn sie der Künstlerin vorschlagen, „solltest du dich bis Freitag dazu entscheiden, deine Dreadlocks abzuschneiden, würden wir dich natürlich auf der Demo begrüßen und dort spielen lassen.“

Ich weiß, dass, wenn sich Fremde mit Schere an der Haarpracht von einem Menschen ohne dessen Zustimmung vergreifen, dies strafrechtlich als Körperverletzung eingeordnet wird. Wie ein „Rat“ dazu juristisch zu definieren wäre, sei dahingestellt, diskriminierend frech ist er allemal. Ich frage mich auch, ob die Hannoveraner Absage-Autor*innen bei einem Mann ähnlich vorgegangen wären und ob sie überhaupt so weit in der Gegenwart leben, die seit geraumer Zeit auch kulturelle Globalisierung kennt, ganz abgesehen vom Umstand, dass wechselseitiger Einfluss kultureller Zeichen, Annahme und Weiterverarbeitung Grundprinzipien von Kunst und Kultur sind, ohne denen wir geistig und ästhetisch sehr arm aussehen würden.

In der Ideologie der FFF-Fantasien aus Hannover müssten demnach auch alle Tätowierungen von menschlicher Haut verschwinden, denn der Ursprung der Zeichnungen in diese hat andere kulturelle Aussagen, sei es ob ägyptischen oder südwestasiatischen Ursprungs, oder beim Bergmenschen Ötzi, bei den Seemännern oder jenen, die sich im Gefängnis Symbole auf ewig hineinzeichneten, und zu erinnern ist auch, dass im Nationalsozialismus die Tätowierung einer Nummer an ein Handgelenk Teil der menschenvernichtenden Strategien in den Konzentrationslagern gewesen ist.

Im Bewusstsein über Ursprung und Rezeptionsgeschichten von Zeichen leisten wir, insbesondere auch mit jenen, die wir am Körper tragen, einen wichtigen Beitrag zur Toleranz. Wenn wir in diesem Feld sanktionierend vorgehen, nehmen wir einen kontraproduktiven Richtungswechsel vor, wir spalten die Gesellschaft mehr, als wir sie einen müssen.

Wann endlich entschuldigt sich FFF Hannover bei Ronja Maltzahn?

Foto: Pexels/Free Photo Library

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