Raum & Architektur

Silent Poland

Stille Zeichen sind oft beredter als viele Worte, die etwas fassbar machen wollen, als Geräusche, die ungehemmt Aufmerksamkeit erpressen, als auch Musik, die sich als liebliche Verführung in die Gehörgänge schlängelt.

Stille wirkt: Drei Beispiele dafür aus einer Reise, die in Warschau ihren Ausgang nahm, in den Südosten Polens führte, dann in Richtung Norden dem Grenzverlauf zuerst zur Ukraine folgte, dann zu Weißrussland, und wieder in die Hauptstadt zurückfand.

In Lublin, Polens größte Stadt östlich der Weichsel, sie hat heute 340.000 Einwohnern und fünf Universitäten (manche zählen sogar neun), fand seit dem 16. Jahrhundert die ostjüdische Gemeinde ihr Zentrum. Ihre Lebensverhältnisse, außerhalb der Burg, waren bescheiden, blieben karg. Im Zweiten Weltkrieg, als die Deutschen 1939 Polen überrannten, wurden 14.000 jüdische Bürger zuerst in einem Ghetto eingekesselt, dann in Konzentrationslager deportiert. Man fand vor Jahren eine Laterne aus dem einst jüdischen Viertel. Zwischen einem Kloster, heute ein Hotel, und der Brücke, die in die Lubliner Altstadt führt, leuchtet genau diese Laterne nun als Straßenbeleuchtung jeden Tag und jede Nacht das ganze Jahr über – in Erinnerung an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.

In Grabarka, auf dem heiligen Berg der orthodoxen Glaubensgemeinschaft, stehen rund um die Kirche unter den Bäumen dicht an dicht Kreuze. Pilger tragen sie auf ihren Reisen, große, die ganze Gruppen repräsentieren, kleine, die die einzelnen Wallfahrenden selbst mitbringen, mit Namen beschriftet und datiert, helle Hölzer, vor wenigen Wochen in die Böden gesteckt, vermoderte, die schon vor Jahren oder Jahrzehnten gebracht worden sind. Rund um die Kirche, ausgespart bleibt natürlich die lange Natursteintreppe, die zum Gotteshaus hinaufführt, wächst der dürre Baumbestand mit den Symbolen der Gläubigen zu. Die Dichte wirkt auch unheimlich.

Warschau, Altstadt, ein Samstagabend, das Leben pulst in der Krakowskie Przedmiescie (deutsch: Krakauer Vorstadt). Straßenmusiker, Feuerspucker und Jongleure teilen sich ihre Abschnitte. Mittendrin bereitet sich eine Gruppe Jugendlicher vor, auffällig sind ihre roten Jogging-, Gymnastikhosen, die roten T-Shirts. Die frühe Finsternis der Augustnacht wird an ihrem Platz nur durch eine bescheidene Lichtquelle erhellt. Der Kameramann mit dem Steadycam-Gestell steht bereit, die Assistentin schräg dahinter vollzieht jede Bewegung so mit, dass sie nur ja nicht ins Bild kommt. Die Streetdance-Performance der Gruppe ist beachtlich, die Choreographie ausgefeilt, sie beeindruckt vor allem in ihrer Perfektion und in ihrer Länge. Acht junge Frauen und zwei Männer tanzen für die Kamera, ohne auch nur eine einzige Note Musik dazu zu hören. Wofür genau, bleibt ihr Geheimnis.

Foto: Impression von Grabarka

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