So ein flow einer Arbeitswoche lässt mich nicht immer alles erfassen, was über den Fokus vom Berufsleben hinaus wahrzunehmen geboten wäre. Da danke ich gerne für gute Tipps, einen solchen erhielt ich von einer Kollegin zur Sendung „Markus Lanz“, Ausgabe vom Mittwoch, 6. Mai 2026. Zu Gast im vorzüglichen Gesprächsformat war Joschka Fischer, von 1998 bis 2005 Vizekanzler und Außenminister von Deutschland.
Den Gesprächsanlass in Oberflächlichkeit bot eine Buchneuerscheinung aus seiner Feder. Das Buch lag auf einem kleinen Beistelltisch, ein stilles Requisit. Denn Fragen und Antworten, Zu- und Widerspruch zwischen den beiden Herren drehten sich um die Lage der Welt. Ich erzähle hier nicht alles nach (die ARD-Mediathek stellt die 46-minütige Begegnung zwei Jahre lang im Streaming zur Verfügung). Mich erfasste ein frühes Thema im Interview, nämlich Joschka Fischers Einschätzung von Aussagen, die der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz vor Schülern zum Krieg der Vereinigten Staaten gegen den Iran getroffen hat. Wie bekannt sagte Merz offen und klar, vernunftbasiert: „Die Amerikaner haben offensichtlich keine Strategie, und das Problem bei solchen Konflikten ist ja immer, da muss man nicht nur rein, da muss man auch wieder raus. Diese Geschichte zumindest ist unüberlegt und ich erkenne im Augenblick nicht, welchen strategischen Exit die Amerikaner jetzt wählen, zumal die Iraner offensichtlich sehr geschickt verhandeln oder nicht verhandeln“ (ab 09:12 im Stream der ARD-Mediathek).
Fischer, dazu befragt, wie er das findet, trifft eine Unterscheidung zwischen einem Sprechen in Ehrlichkeit und einem mit Blick auf die Konsequenzen. Er tadelt Merz in seiner Rolle als Bundeskanzler, da währt ehrlich nicht am längsten. Da hätte Merz anders reden müssen. Die Welt kennt Trumps Reaktion. Auftritt und Aussage von Merz in der Schule werden mit der Entscheidung zum Abzug tausender in Deutschland stationierter US-Soldaten „sanktioniert“. Für das Sicherheitskonzept Europas, zentral darin Deutschland, sieht Fischer hier eine „Abschreckungslücke“ aufgehen, auch dahingehend, dass die Amerikaner Missiles-Lieferungen schuldig bleiben werden.
Politik braucht also ein Sprechen mit Blick auf Konsequenzen. Im Interview fand man zu einem „Ja zur Schleimspur“ (die alle im Umgang mit dem amerikanischen Präsidenten ziehen; Anm.), Joschka Fischer wörtlich: „Ich bin froh, dass ich es nicht machen muss.“
Ich lobe hier die Ehrlichkeit des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, erst recht in seiner Rolle, und vor allem im Sprechen vor Jugendlichen an einer Schule. Ich würde es unerträglich empfinden, den nächsten Generationen, die es hoffentlich verstehen, andere und bessere Interessensmoderationen und Konfliktlösungswege zu entwickeln als die gegenwärtigen, irgendetwas vorzumachen. Ein Schutz vor Konsequenzen mag in Sicherheit wiegen, nur vermeintlich – und wenn, dann nur von kurzer Dauer. Heute arbeitet diese „Politik“ oder diese „Diplomatie“ – also ein Sprechen in sanftmütigen inhaltsleeren Schablonen, ambivalent deutbar und somit tendenziell immer eher affirmativ dafür, was das Gegenüber hören und verstehen möchte – jenen autoritären Kräften zu, die in unverhältnismäßig kurzer Zeit Demokratien in Richtung ihrer Staatslenkungsfantasien umbauen. Amerikas rasanten wie radikalen Wandel erleben wir gerade. In Ungarn sehen wir nun wohl den Beginn und die Mühen eines langen Wegs zurück.
Foto: Pexels gibt es auf WordPress nicht mehr ☹; anstelle dessen einen KI-Bildgenerator (Jetpack Image Editor); das Beitragsbild ist mein Erstversuch damit, mein prompt: „politicians talking to each other honestly“; Frage: Wird Ehrlichkeit körpersprachlich eindeutig, wenn die Hand ans Kinn greift? 😉
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