Satire

Die Ypha-Variante

Unbestätigten Gerüchten zufolge bemüht sich WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus gerade bei der Akademie für Sprache in Athen um die Einführung eines neuen griechischen Buchstabens. An die Stelle zwischen viertem und fünftem Buchstaben im Alphabet, also nach Delta und noch vor Epsilon, soll ein Ypha (sprich: üfa) eingerückt werden. Man benötigt diesen für eine antidiskriminierende Bezeichnung einer in den kommenden Tagen entstehenden Virusvariante. Schreibweise und Aussprache arbeiten besonders aktiv gegen Diskriminierung. In einem Handbuch werden die Medien weltweit angewiesen, den eigentlich anlautenden Diphthong (Zweilaut) – also „u-e“ – auf keinen Fall getrennt auszusprechen, darum auch im Schriftbild ein „y“. Es soll nämlich nicht rückverfolgbar werden, warum die nächste Variante des Virus diesen neuen griechischen Buchstaben als Bezeichnung tragen soll. Insofern ist es auch zu unterlassen, analoge Formulierungen zu veröffentlichen wie zuletzt „die in Indien erstmals festgestellte Delta-Variante“. „Bei den Fußballspielen der Europameisterschaft in der K.O.-Phase vor allem in London festgestellte Ypha-Variante“ geht also gar nicht!

Als Mitte Mai in allen Ländern das gesellschaftliche, wirtschaftliche und somit auch sportliche Leben wieder erwachte, wunderte man sich im Bereich von König Fußball, was denn nun so neu werden sollte. Denn hier lief alles wie immer. Fast. Eine Europameisterschaft musste halt um ein Jahr verschoben werden. Just Mitte Mai 2021, als so vieles wieder einen Anfang fand, dem ein viel beschworener Zauber innewohnt, gingen die nationalen Meisterschaften in allen Ländern zu Ende. Wie immer. Wenig magisch erschien darum auch der Termin des Champion-League-Finales. Wie üblich Ende Mai. Am 29. besiegte Chelsea in Porto Manchester City mit 1:0. Sogar vor 16.500 Fans im Stadion. Pandemie ist etwas für alle anderen, nicht fürs internationale Fußballgeschäft. Ob wegen der Beteiligten am Finale, alle aus England und in Portugal, gerade in diesen Ländern zurzeit die als viel infektiöser kategorisierte Delta-Variante exponenziell zunimmt, wissen wir nicht.

Der Turnierkalender der „Euro“ – nicht nur logisch gewählter Kurzname für eine Europameisterschaft, sondern ganz deutlich auch als Währungsbezeichnung zentraler Beweggrund des kontinentweiten Events – bringt die Reisetrosse von Mannschaften, Funktionären und Fans auch nach London ins Wembley Stadion. Regulär bietet dieses 90.000 Besuchern Platz. Der Fußballverband macht Druck auf die Regierung, die Platzkapazität (pandemiebedingt eigentlich reduziert) auszuweiten, am besten auf Vollbelegung. Von Schoßplätzen, und damit der Option auf doppelte Belegung und Einnahmen, wird – noch – nicht berichtet. Sehr wohl aber von Ausweichlokalitäten, etwa Budapest, wo Viktor Orbans Regierung das Stadion (es fasst 61.000 Menschen) bis zum letzten Platz nutzen lässt. Genesen, getestet, geimpft? Bei Zehntausenden, die dann Schulter an Schulter sitzen, stehen, anfeuern, Tore und Siege feiern? „Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals, der Kollege Riepl, der Diplomingenieur Bosch, wir busseln uns ab!“ (Edi Finger sen., Cordoba 1978 nach dem 3:2 für Österreich). So geht das bekanntlich, das Virus wird´s freuen.

Das noch delta-verschonte Ungarn könnte also das Geschäft machen. Die Gier nach Euro (Pfund oder Forint) bei der Euro lässt aber auch befürchten, dass London trotz Delta-Fiebers Austragungsort bleibt. Zwei Achtelfinali (26. und 29. Juni), zwei Halbfinali (6. und 7. Juli) und das Finale selbst (11. Juli) wollen dort gespielt werden. 90.000 Leute pro Match. 450.000 in Summe. Wohl aus vielen Staaten Europas. Der Veranstalter faselt irgendetwas von Anreisen, Matchbesuch, Heimreisen in „sicheren Blasen“. Super-Spreader-Events, so etwas war gestern: Ischgl im Frühjahr 2020 verkommt zu einem kleinen Darmwind der Pandemie-Dynamik. Jetzt kommen Ultra-Spreader-Events. Da braust dann ein Sturm von Infektionen über den ganzen Kontinent. Vierte Welle! Beginnend im Sommer 2021 mit kräftigen Nachwirkungen in ganz Europa im Herbst und im Winter: Geld und Fußball (in dieser Reihenfolge), dem ordnen wir alles unter. Privilegien ohne Ende, Risikoanalysen ohne Maßnahmen in Folge, moral-, scham-, grenzen-, verantwortungslos: Das ist die Ypha-Variante. Als diagnostischer Begriff für unsere Gegenwart hat sie jede Berechtigung, zu einem politischen, wirtschaftlichen und soziologischen Terminus technicus zu werden.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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