Medien

Ein Protokoll der Peinlichkeiten

Das schöne alte Wort „Pein“ bezeichnet heftiges körperliches und/oder seelisches Unbehagen, das jemanden quält. Peinlich (als davon abgeleitetes Eigenschaftswort) war in den vergangenen zehn Tagen nicht wenig. Eine kleine Chronologie:

Donnerstag, 29.10.2020, früher Nachmittag: Österreichs Bundeskanzler und Gesundheitsminister treten bei einer Pressekonferenz auf. Angesagt sind – ich korrigiere: wären – weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Beide üben sich in Selbstbeweihräucherung, minutenlang. Das einzige Faktum, das bei dieser Form von Klima-Erwärmung (Absonderung „heißer Luft“) übrigbleibt, ist die Ankündigung, dass am Samstag etwas angekündigt wird. Peinlich.

Dienstag, 3.11.2020: Nach dem schrecklichen Terroranschlag in Wien vom vergangenen Montagabend wird ein erster schwerer Behördenfehler bekannt. Der slowakische Geheimdienst hatte informiert, dass der Attentäter im Sommer versucht hatte, Munition zu kaufen. Der österreichische Verfassungsschutz hat aus der Information keine Schlüsse gezogen. Der Kommunikationswechsel (23. Juli Slowakei an Österreich, 10. September Österreich an Slowakei, 16. Oktober Slowakei an Österreich; Quelle: Zeit im Bild 2, 5.11.2020) zeigt im Intervall auf, wie Kommunikationsschwierigkeiten und Bürokratie die Beurteilung einer Gefahr und ein dementsprechend präventives Handeln ausbremsen. Peinlich. Vier Tote klagen an.

Mittwoch, 4.11.2020: Das große trotzige Kind, das nun vier Jahre im Weißen Haus wohnen durfte, erklärte sich, während die Wahlauszählung läuft, zum Sieger und meinte, überall dort, wo er eh schon die Mehrheit hat, könne man die Auszählung stoppen. Einen Tag später behauptete er, es seien so viele „illegale Stimmen“ unterwegs, mit denen man ihn um den Wahlsieg betrügen will. Peinlich.

Freitag, 6.11.2020: Der Fußballklub WAC kann die nächste Liga-Partie nicht spielen, weil der Kader durch Corona-Infektionen so dezimiert ist, dass keine Mannschaft mehr aufs Feld laufen bzw. auf der Ersatzbank sitzen kann. Während Freizeitsport und Amateurbewerbe (mit kaum bis keinen Infektionen) stillgelegt worden sind, läuft der Profibetrieb und das Infektionsgeschehen in diesem ungehindert weiter. Weil es dort um viel Geld geht. Um viel zu viel Geld. Peinlich. Apropos Geld: David Alaba, eines der liebsten Aushängeschilder des österreichischen Fußballs, will von seinem Verein ein mehr als fürstliches Jahresgehalt. Irgendwann im Frühjahr während der beginnenden Pandemie posaunten alle im Profi-Fußball hinaus, dass die Zeit der überhöhten Millionengagen und Transfersummen nun vorbei wäre. Das war sie auch. Für einen kurzen Applaus zu einer raschen Medienmeldung. Sehr peinlich.

Jeden Tag spielt Österreichs populärster Radiosender Winterurlaube per Quiz aus. Hotelaufenthalt und Wintersportvergnügen. Wir haben zurzeit einen ersten von wahrscheinlich mehreren, in der jeweiligen Dauer schwierig bestimmbaren Lockdowns. Beim Quiz handelt es sich mit Sicherheit um eine PR-Kooperation, die schon vor längerer Zeit und gewiss nicht weitsichtig abgeschlossen worden ist. Oder um die Brechstange des Wintertourismus gegen die Pandemie. Peinlich.

Seit Wochen veröffentlichen die Ministerien täglich eine Zahl der Neuinfektionen, ebenso tut dies die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit im staatlichen Auftrag. Die Zahlen stimmen nie überein. Das ist verwirrend, vielleicht Symbol für den Umgang mit der Pandemie – und gerade deswegen peinlich.

Dieses Protokoll erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Zu dieser könnten Leserinnen und Leser mit Kommentaren etwas beitragen. Ich lade sehr herzlich dazu ein.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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