Soziales Handeln

Der Kunde ist König, mit Kundenkarte Kaiser

So einschneidend erweist sich die kleine alltägliche Verrichtung wie zum Beispiel der Einkauf von ein paar Küchenutensilien, sodass es doch tatsächlich zu einem (nicht explizit ausgewiesenen) zweiten Teil kommen muss.

Dieser beschäftigt sich mit einem Phänomen unserer Gegenwart, das wir alle in zahlreichen Varianten mit uns herumtragen, zumeist sogar noch physisch real. Mir sind jene, die schon ohne Plastik im Scheckkartenformat in meiner Brieftasche oder sonst wo auskommen, lieber, vor allem weil ich nicht alle Kundenkarten mit mir herumschleppen will. Ich finde es in Ordnung, Datenschutzreglement dazu vorgelegt und gegengezeichnet als Voraussetzung, dass man als Stammkunde einfach seinen Namen nennt und dann bevorteilt wird. Wobei: es geht ja hauptsächlich ums Datensammeln über mein Konsumverhalten. Recht ergiebig bin ich da in meinen Kaufintervallen ohnedies nicht, wie ja auch mein jüngst doch einmal erforderlicher Besuch in besagtem Möbelhaus zeigt. Und – nein, es handelte sich dabei nicht um das schwedische, sondern das mit der Leitfarbe Grün.

Die Kundenkarte, die ich da mit mir führe, sei überaltert, sagte die Dame an der Kassa zu mir, ich müsste eine neue haben. Habe ich aber nicht. Sie schiebt mir die alte über den Ladentisch zurück. Sie könne damit jetzt nichts machen. Da ich in meinem dürren Konsumverhalten (ich kaufe wirklich nur, wenn ich etwas brauche, nicht zur Veränderung von Lagerorten) die Übersicht über Rabatte, Aktionen, Gutscheine ohnedies verliere, meinte ich sodann: „Ach, nehmen Sie mich doch bitte überhaupt aus diesem Kundenkartenprogramm!“ – „Neinnein, das mache ich nicht, Sie verlieren ja dann alle Begünstigungen und Rabatte.“ Ich: „Schauen Sie, da steht eine Kundennummer drauf, die wird ja gleich geblieben sein. Mit der suchen Sie mich bitte raus, und dann löschen Sie mich!“

Sie tippt, ruft ab, tippt weiter herum, auf einmal bekommt jeder Artikel, den ich gerade kaufe, 25 Prozent Rabatt und auf die gesamte Summe löse ich dann noch irgendwelche Bonuspunkte im Ausmaß von weiteren 14 Prozent ein. Das alles anscheinend nur, damit ja nicht ein Satz Kundendaten verlustig geht (Ich zahle also etwas mehr als die Hälfte des ursprünglichen Betrags und bin mir sicher, selbst daran verdienen sie noch genug).

Dieses Gespräch zwischen Dame an der Kassa und Kunde schlägt ja nicht nur in den finanziellen Konsequenzen aber so etwas von aus der Reihe, auch von der Kommunikation her. Denn vor gut eineinhalb Jahren haben in Österreich mehrere Handelsbetriebe ihre Kundenkarten zu einer fusioniert. Sie trägt den im Wienerischen geprägten Ausruf freudiger Überraschung im Namen (standardsprachlich: „ja!“, wienerisch: „jö!“) und als Testimonials treten die Spitzen der österreichischen Fernsehsatiremonarchie auf, Kaiser Robert Heinrich I. und sein Obersthofmeister Seyffenstein. Ein Drittel der österreichischen Bevölkerung soll diese Karte verwenden.

Seither funktioniert der Standard aller Dialoge zwischen Personal und kartenkritischer Kundschaft während des Bezahlvorgangs im österreichischen Handel mit diesen sechs zu fünf verschliffenen Wörtern: Kassierin: „Jö-Karte?“ – Kunde: „Nein.“ – Kassierin: „Wollen S´ eine?“ – Kunde (lauter): „NEIN.“

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