Sprache

Neue Bedeutungshoheiten

Das Coronavirus infiziert auch die Semantik unserer Sprache. Wörter, einst unverdächtig in ihrem Gebrauch, zeigen sich nur noch mit Bedeutungsschlagseite. Manche wurden leer, weil die ihnen Sinn gebende Tätigkeit ausgesetzt worden ist. Bei manchen bekommt das eigentlich damit Bezeichnete einen verfänglichen Kontext.

So verstanden wir unter „Cluster“ vor dem Frühjahr 2020 im Kontext von Wirtschaft den Zusammenschluss von Unternehmen einer Branche, die sich darin ihre eigene Vernetzung und Zusammenarbeit organisierte, am bekanntesten sind wohl sogenannte automotive Cluster (alles rund ums Auto) oder Kunststoffcluster. Cluster als Darstellung von assoziativen Zusammenhängen ist natürlich auch eine Methode des kreativen Schreibens. Unter Cluster versteht man im (österreichischen) Bildungswesen sowohl die übergeordnete Verklammerung von Lernzielen und Lehrplänen einzelner Unterrichtsgegenstände, die inhaltlich zusammengehören, als auch den organisatorischen Verbund mehrerer Schulen unter Führung von nur einer Leitungsperson. Cluster schlägt der Pianist, indem er mit der Handfläche oder auch dem Unterarm möglichst gleichzeitig viele nebeneinander liegende Tasten zu treffen versucht. Heute allerdings hat sich in unserem alltäglichen Sprachgebrauch das so zahlreiche Bedeutungsvarianten sein Eigen nennende Wort „Cluster“ auf die Spielart der Infektiologie und Epidemiologie spezialisiert: und wir reden natürlich alle fachkundig mit, wenn es um die Analyse von Ansteckungsketten und die Zugehörigkeit Infizierter zu einem – eben – „Cluster“ geht. Diese pandemiebedingte Exklusivität spürt jeder, der dieses Wort – es steht ursächlich im Englischen für nichts anderes als „Gruppe, Anhäufung, Bündel, Traube (im Sinn von Menschenansammlung)“ – gegenwärtig doch tatsächlich in einer anderen als der infektiologischen Bedeutung zu verwenden versucht. Es gilt nahezu als unstatthaft, es anders zu gebrauchen.

Einen Gebrauchsverlust verzeichnet auch das Wort „Handschlagqualität“, das für den Ausdruck eines Vertrauens ohne großen Aufhebens oder Überprüfens stand. Man sprach von ihr, weil sich mit dem Handschlag, der Geste des Grüßens, so ihr historischer Ursprung, bewies, dass in der Hand keine Waffe gegen jenen geführt wird, dem man nun gegenüber tritt. Man zeigte sich die leeren Handflächen und legte sie zum Beweis ihrer friedlichen Leere ineinander. Ein kurzer Druck besiegelte diesen Friedensvertrag. Im Gottesdienst der katholischen Kirche gibt man sich zum Zeichen des Friedens die Hand. Nicht zu Zeiten der Pandemie: Wir haben unsere Kultur, uns die Hände zum Gruß, zur Verabschiedung, zum Zeichen der Verbundenheit zu reichen und zu drücken, außer Kraft gesetzt. Und müssen uns fragen: Damit auch die Handschlagqualität?

An ihre Stelle trat neben Anleihen von Begrüßungsritualen aus anderen Kulturen das Zueinanderführen der Ellbogen. Als höben wir unsere Arme zu eingeklappten Flügeln, nur damit wir dann mit dem Äußeren unserer Ellbogengelenke in Berührung kommen können. Eine Art Ellbogentaktik also, unter der man in der deutschen Sprache allerdings ein besonders rücksichtsloses Vorgehen gegen Konkurrenten versteht. Es sieht so aus, als ob wir uns darum mit dieser neuen, mittlerweile weithin beliebten Grußform von jener Friedfertigkeit entfernen, die dem Handschlag historisch innewohnt. Nicht ganz unbedenklich!

Foto: Pexels/Free Photo Library

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